Würde des Kindes – Kinderrechte sind Menschenrechte
Die Würde von Kindern beschreibt den inneren Wert jedes einzelnen Kindes, aber auch gleichzeitig das Recht, respektiert, gehört und in seiner Individualität akzeptiert zu werden. Kinder sind unsere Zukunft und sie verdienen einen geschützten Raum, in dem sie sich frei entfalten können – sei es in ihrer Kreativität, ihren Meinungen oder ihren Gefühlen.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Würde ist ein universelles Kinderrecht
Die Würde jedes Kindes ist ein grundlegendes Recht, das allen Kindern von Geburt an zusteht. Das bedeutet, dass wir die individuelle Integrität jedes Kindes anerkennen und respektieren müssen.
Es geht darum, ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen und ihnen zu helfen, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.
Jedes Kind hat das Recht, in Würde und Respekt behandelt zu werden – das sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen.
Kinderwürde umfasst aber nicht nur bloße Schutzansprüche, sondern auch:
die aktive Förderung kindlicher Fähigkeiten,
die Anerkennung der Wünsche von Kindern
und die Schaffung von Bedingungen, die es Kindern ermöglichen, das eigene Potenzial zu entdecken und frei zu entfalten.
Kinderrechtskonvention über Kinder-Würde
Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 hebt immer wieder die Würde der Kinder hervor.
In Artikel 23 wird die Würde behinderter Kinder thematisiert,
Artikel 28 stellt klar, dass Alltagsmaßnahmen zur Disziplinierung der Menschenwürde der Kinder Rechnung tragen müssen.
Artikel 37 geht sogar so weit, das Recht der Kinder auf respektvolle Behandlung zu betonen, selbst wenn sie ihre Freiheit verloren haben.
Die Kinderrechtskonvention verfolgt nicht nur das Ziel, aus Heranwachsenden zufriedene Erwachsene zu formen. Ihre Regelungen sind nicht allein auf die Zukunft ausgerichtet; sie klären ebenfalls, auf welche Weise dieses Ziel im Hier und Jetzt erreicht werden kann – und noch wichtiger: wie man es auf keinen Fall anstellen sollte.
D. h. eine schöne Kindheit ist mindestens ebenso wichtig, wie das Erwachsenenleben (» Das Bild vom Kind + Kindheit prägt das Leben)
Capability Approach Ansatz
Die Philosophinnen Martha Nussbaum und Amartya Sen brachten einen spannenden Gedanken ins Spiel: Sie argumentieren, die Würde eines Menschen hängt stark davon ab, wie gut er seine Fähigkeiten entfalten kann – und das gilt besonders für Kinder. Wenn Kinder in der Entwicklung und Ausübung ihrer Fähigkeiten eingeschränkt werden, leidet die Würde ihrer Person. » Stärken eines Kindes entdecken
Schließlich müssen in der Kindheit viele essenzielle Fähigkeiten erlernt werden – angefangen bei den Routinen des Alltags bis zum Vertrauen in andere Menschen und der Fähigkeit, Liebe zu empfinden. » Resilienzstärkung im Alltag sowie Resilienz bei Kindern
Wenn wir Kindern und Jugendlichen diese Chancen verweigern, richten wir zweifellos großen Schaden an. Daher ist es auch nicht überraschend, dass der Capability Approach Ansatz immer wieder herangezogen wird, um den zentralen Grundsatz der Kinderrechtskonvention neu zu formulieren:
Das Wohl des Kindes sollte immer im Mittelpunkt unseres Handelns stehen.
Denkt man daran, dass „jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ (GG, Artikel 2) hat, wird die Bedeutung der Menschenrechte besonders deutlich. Nussbaum und Sen bringen nicht nur die Autonomie von Kindern ins Spiel (vgl. Autonomiephase), sondern auch, inwiefern Entwicklung und Fähigkeiten im Kindesalter gefördert werden.
Das ist wichtig! Weil das Konzept von Kindeswohl und „Kindeswürde“ nicht nur zukunftsorientiert sein darf. Vielmehr muss es ebenso die aktuellen Bedürfnisse und Belange der Kinder im Hier und Jetzt berücksichtigen.
Intermezzo: Geschichtliche Wurzeln des Würde-Begriffes
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Eine Wurzel des Würdebegriffs findet sich in der römischen Stoa, besonders geprägt durch die Schriften von Marcus Tullius Cicero. In seiner Schrift "De Officiis" (Über die Pflichten) betont Cicero die Notwendigkeit, menschliches Handeln an der Würde des Menschen ("excellentia et dignitas") zu orientieren.
Er argumentiert, dass die Würde des Menschen nicht nur von seinem sozialen Status abhängt, sondern auch aus 3 weiteren Faktoren resultiert:
1. aus den individuellen Fähigkeiten und dem Schicksal,
2. aus dem selbstgewählten Lebensweg und
3. aus der Tatsache, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen den Tieren überlegen ist.
Cicero widmet der Lebensführung in Würde große Bedeutung und hält die Achtung vor Älteren und die Wahl geeigneter Vorbilder für zentral, um ein Leben in Würde zu führen. Damit positioniert er die Würde als ein wesentliches Ziel der Erziehung und Selbstbildung.
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Eine zweite Quelle des Würdebegriffs findet sich in den jüdischen und christlichen Auffassungen der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Gemäß der Genesis ("1. Mose 1") wurde der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen, was ihm eine besondere Würde verleiht. Diese Sichtweise ist universell und bezieht sich auf alle Menschen, unabhängig von ihren individuellen Eigenschaften.
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Die dritte Wurzel des Würdebegriffs erstreckt sich bis zur Aufklärung und dem sich entwickelnden Bürgertum im 18. Jahrhundert. Während dieser Zeit wird die Idee einer gemeinsamen Menschenwürde für alle Bürger zunehmend populär. Diese Vorstellung entwickelte sich in direkter Reaktion auf die privilegierte Standeswürde des Adels, die nun auch auf das aufstrebende Bürgertum angewendet wurde.
Immanuel Kant spielt in diesem Kontext natürlich eine Rolle. In seiner "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" bezieht sich Kant auf die Würde, um den Wert des Menschen zu definieren. Kant lehnt es ab, Menschen als Mittel zu anderen Zwecken zu behandeln, da dies ihrer Würde widerspricht.
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Der moderne Begriff der Menschenwürde hat sich Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland als Ausdruck für eine bürgerliche Ehre etabliert, die allen Menschen zusteht.
Trotz der Anerkennung der bürgerlichen Würde änderten sich die gesellschaftlichen Haltungen gegenüber Kindern nicht. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde der Wert der kindlichen Ehre und Würde oft ignoriert oder in Frage gestellt, was sich in strengen und schädlichen Disziplinarmaßnahmen niederschlug. In dieser Zeit wurden Kinder häufig als Objekte der Erziehung betrachtet.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
Jedoch entstand um die Jahrhundertwende eine pädagogische Gegenbewegung, die gegen diese Herangehensweise plädierte und beschämende Strafen ablehnte. Diese Bewegung war Teil eines größeren gesellschaftlichen Umbruchs, der verschiedene Reformprozesse umfasste, wie die Emanzipation der Frauen und die Arbeiterbewegung, bei denen der Bezug auf die Würde als Argumentationsschlüssel diente.
Dennoch führte die wachsende Betonung der Unterschiede zwischen Kindheit und Erwachsensein im 19. und frühen 20. Jahrhundert dazu, dass die egalitären Grundgedanken des Würdebegriffs in Frage gestellt wurden. Immerhin gab es Reformbewegungen, die Kindheit als eigenständige Lebensphase zu begreifen, was zumindest zu Verbesserungen in der schulischen Bildung führte.
Menschenrechte & Menschenwürde
Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Menschenwürde in vielen Moralphilosophien oft skeptisch betrachtet. Man dachte, der Begriff und das Konzept seien veraltet. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Bild von Menschenwürde grundlegend gewandelt. Sie wurde in wichtigen Dokumenten festgeschrieben, wie der UN-Charta von 1945 und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.
Insbesondere das deutsche Grundgesetz von 1949 enthält in Artikel 1 die klare Aussage, dass die Würde des Menschen unantastbar und zu achten sowie zu schützen ist. Dennoch verdrängte das Konzept der Menschenrechte oft die Diskussion um Menschenwürde.
Unterschiede zw. Menschenwürde und Menschenrechte
Egal, woher jemand kommt, welches Geschlecht er hat, an welche Religion er glaubt oder welchen sozialen Status er hat – die Menschenwürde bleibt davon unberührt. Sie gehört zu uns allen und ist eine grundlegende Eigenschaft, die jeder Mensch von Geburt an hat (intrinsischer Wert).
Menschenwürde ist das grundlegende Prinzip, das unser Zusammenleben prägt. Es bedeutet, dass jeder Mensch – egal, unter welchen Bedingungen er lebt – mit Respekt behandelt werden sollte.
Menschenrechte hingegen sind spezifische Rechte und Freiheiten, die jedem Menschen zustehen und die darauf abzielen, die Menschenwürde zu schützen und zu fördern. Menschenrechte umfassen verschiedenste Ansprüche. Zum Beispiel das Recht auf Leben, Freiheit, Bildung, Sicherheit, Gleichheit vor dem Gesetz und Meinungsfreiheit.
Menschenrechte sind also konkrete Ausdrücke / Realisierungen von Menschenwürde.
Unterscheiden sich die Würde des Erwachsenen und Kinder-Würde?
Die Würde des Erwachsenen und die Würde des Kindes stehen in einem komplementären Bezug, d. h. sie ergänzen einander und gehören zusammen, da beide in ihrer jeweiligen Lebensphase ausschlaggebend sind.
Während Erwachsene für sich selbst einstehen und eigenverantwortlich handeln können, brauchen Kinder eine sichere und förderliche Umgebung, in der ihre Würde gewahrt und geschützt wird, damit sie zu selbstständigen Erwachsenen heranwachsen.
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Die Würde des Erwachsenen wird oft mit Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Verantwortung assoziiert. Erwachsene haben die Fähigkeit, wichige Lebens-Entscheidungen zu treffen und sind in der Regel rechtlich handlungsfähig. Die Würde des Kindes hingegen ist stark mit dem Schutz und der Förderung seiner Entwicklungsbedürfnisse verbunden. Da Kinder noch in der Entwicklungsphase sind, benötigen sie besondere Fürsorge und Schutz, um ihre physische, emotionale und soziale Entfaltung zu gewährleisten.
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Erwachsene haben umfassende Rechte und Pflichten in der Gesellschaft, während die Rechte von Kindern in vielen Ländern besonders gesetzlich geschützt sind, um sie vor Ausbeutung und Vernachlässigung zu bewahren. Die Würde von Kindern wird oft durch das Recht auf Bildung, Schutz vor Gewalt und Diskriminierung sowie das Recht auf eine sichere Umgebung manifestiert. Erwachsene hingegen haben die Verantwortung, diese Rechte zu achten und zu gewährleisten.
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Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Würde von Erwachsenen beinhaltet oft Respekt für ihre Autonomie und persönliche Integrität. Bei Kindern liegt der Schwerpunkt auf ihrer Verletzlichkeit. Die Gesellschaft hat die Verantwortung, die Würde von Kindern zu schützen und zu stärken, insbesondere in Situationen, in denen sie hilflos oder abhängig sind.
Was Kinder-Würde bedeutet
Ein grundlegender Aspekt ist die Wahrnehmung der eigenen Würde. Kinder dürfen frühzeitig lernen, ihren inneren Wert zu erkennen und zu schätzen. Wenn ihnen grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, Schutz oder emotionale Sicherheit vorenthalten werden, verletzt das ihr Selbstwertgefühl erheblich und oft nachhaltig. » Entwicklungstrauma und Bindungstrauma
Umfassender Kinderschutz
Daher besitzen Kinder ein unveräußerliches Recht auf Schutz. Dieses Kinderrecht reicht über körperliche Verletzungen hinaus und schließt auch psychische und emotionale Misshandlungen ein. » 10 Kinderrechte
Vernachlässigungen oder psychische Gewalt müssen als gravierende Verstöße gegen die Menschenwürde von Kindern anerkannt und bekämpft werden – insbesondere weil sie häufig in dem Umfeld des Kindes geschehen, das eigentlich Schutz bieten sollte.
Wahrung der kindlichen Integrität
Ein wichtiger Punkt, den wir nicht vergessen dürfen, ist die Anerkennung von Vielfalt. Jedes Kind hat das Recht auf eine Identität, die in ihrer Integrität respektiert wird. Kulturelle Normen sollten niemals dazu führen, dass die Würde eines Kindes leidet.
Außerdem ist es entscheidend, dass Kinder in die Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, einbezogen werden. Ihre Meinungen und Wünsche verdienen Gehör! Das fördert nicht nur ihre Autonomie, sondern stärkt auch ihr Selbstwertgefühl. Jedes Kind sollte spüren, dass seine Stimme zählt und es einen Einfluss auf die Welt um sich herum hat.
Ein respektvoller Erziehungsansatz unterstützt aktiv die Entwicklung des Selbstwerts im Kindesalter. Im Gegensatz dazu entwürdigen autoritäres Verhalten oder Bevormundung die Kinder. » Was ist Erziehung?
Das Kinderrecht auf altersgerechte Förderung
Bedürfnisorientierte Erziehung fußt auf einer gesellschaftlichen Verantwortung, die wir gar nicht groß genug bewerten können. Als Gemeinschaft haben Erwachsene die Pflicht, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Kinder mit Respekt und Würde aufwachsen können.
Das bedeutet, dass wir als Gesellschaft aktiv gegen Kinderarmut, Missbrauch und Vernachlässigung vorgehen müssen. Außerdem ist es wichtig, rechtliche Grundlagen zu schaffen, die diesen Schutz wirklich garantieren.
Jedes Kind ist einzigartig
Das ist die wichtigste Botschaft: Jedes Kind ist einzigartig, weil es individuelle Bedürfnisse, Wünsche und Träume hat.
Erwachsene und Institutionen haben die Aufgabe, Wege zu finden, um diese Vielfalt zu respektieren und die Würde jedes einzelnen Kindes zu schützen – denn was für das eine Kind gut ist, muss nicht unbedingt für ein anderes gelten.
Anstatt mehr Normierung und Standardisierung in der Kindheit, brauchen wir eine zielgerichtete und v.a. hochwertige Entwicklungshilfe, welche die Eigeninteressen eines Kindes zielgerichtet unterstützt.
Fazit: Die Würde des Kindes
Die Würde eines Kindes ist ein unveräußerliches und universelles Recht, das es unter allen Umständen zu schützen gilt. Kinder müssen in ihrer Identität respektiert und in ihrer individuellen Besonderheit gesehen werden.
Wir als Erwachsene und die öffentlichen Institutionen tragen die umfassende Verantwortung, passende Bedingungen zu schaffen, die sowohl die Selbstachtung der Kinder fördern als auch ein Umfeld bieten, in dem ihre Würde geschützt ist. » Selbstbewusstsein bei Kindern stärken
Eine Gesellschaft, die ihre Kinder achtet, ist eine Gesellschaft, die in die Zukunft investiert – denn Kinder sind auch die Träger unserer Werte und Ideale.
Quellen
1) Handbuch Philosophie der Kindheit – Ralf Stoecker: Würde. Hrsg. v. Gottfried Schweiger u. Johannes Drerup, Metzler 2019
2) Krappmann, Lothar: Über die Würde des Kindes in Erwachsenen-Kind-Beziehungen. Einekinderrechtliche Perspektive - In: Berndt, Constanze [Hrsg.]; Häcker, Thomas [Hrsg.]; Walm, Maik [Hrsg.]: Ethik in pädagogischen Beziehungen. Bad Heilbrunn : Verlag Julius Klinkhardt 2022, S. 97-109, URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-252844 - DOI: 10.25656/01:25284
3) Johannes Giesinger: Kindeswohl und die Würde des Kindes aus Sicht der Philosophie (Im Expertenbericht „Normative Implikationen des Kindeswohlbegriffs“, 2011, NEK Schweiz.)
4) UN-Kinderrechtskonvention