Bindungsorientierte Erziehung (AP) – Was ist das überhaupt?
Bindungsorientierte Erziehung ist eine Erziehungspraxis, in der soziale Verbindungen und Nähe im Mittelpunkt stehen. Eines haben nämlich alle Kinder und Erwachsenen gemeinsam: Wir brauchen in jeder Situation des Lebens Sicherheit und Orientierung. Gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen ist dafür Vertrauen notwendig. Das können Menschen jedoch nur gewinnen, wenn sie als Kind ein gutes Urvertrauen entwickeln konnten. Wie gut oder gering dieses ist, hängt von der Bindung zu den engsten Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren ab.
Mehr als nur ein Erziehungsstil: Eine Haltung
Vielleicht hast du schon viel über bindungsorientierte Erziehung gehört. Viele denken dabei an Tragetücher oder langes Stillen. Doch das ist nur die Oberfläche. Im Kern geht es um eine tiefe innere Haltung. Es geht darum, dass du die Bedürfnisse deines Kindes ernst nimmst.
Bindungsorientierung bedeutet nicht, dass du dein Kind verwöhnst. Es bedeutet, dass du eine sichere Basis schaffst. Dein Kind soll wissen: „Egal was passiert, meine Eltern sind für mich da.“ Diese Sicherheit ist der Motor für seine Entwicklung. Nur wer sich sicher gebunden fühlt, traut sich, die Welt zu erkunden. Du bist der Heimathafen. Von dort aus startet dein Kind seine Expeditionen ins Leben. Und dorthin kehrt es zurück, wenn es Schutz braucht.
Bindungsorientierte Erziehung als Basis für den Aufbau des Lebens
Eine gute Bindung ist wichtig für die frühkindliche Entwicklung. Eine starke emotionale Bindung zu Bezugspersonen ist von großer Wichtigkeit für die Explorationsfreude eines Kindes.
Bindung ist – schlicht gesagt – die Basis für alles!
Durch eine gute Bindung baut das Kind ein hervorragendes Urvertrauen auf. Dieses Urvertrauen verankert sich tief im Inneren schließlich so, dass es deinem Kind nicht schwerfallen wird, sich im Laufe seines Lebens gut zurechtzufinden.
Denn durch eine stabile Bindung und somit das gut ausgeprägte Urvertrauen, gewinnt dein Kind Entdecker- und Erforschungsfreude.
Es wird es lieben, Neues zu entdecken, statt Angst vor Unbekanntem zu haben.
Es wird gute Beziehungen führen können, die ebenso stabil sind, wie die Bindung zu dir.
Es wird sich selbst Sicherheit und Orientierung bieten können und ein großes Selbstvertrauen in sich und seine Fähigkeiten haben.
Alles steht und fällt mit dem Bindungsaufbau in den ersten Lebensjahren. Nutze die Zeit, um dein Kind stark für das Leben zu machen.
Definition
Was bedeutet bindungsorientierte Erziehung?
Bindungsorientierte Erziehung ist auch unter der englischen Bezeichnung „Attachment Parenting“ (AP) bekannt und wird teilweise auch bedürfnisorientierte Erziehung genannt. Sie ist eine Erziehungsphilosophie und -praxis, bei der die Schaffung und Erhaltung einer sicheren, emotionalen Verbindung zwischen Eltern und Kind den Fokus bildet.
Das Fundament der bindungsorientierten Erziehung basiert auf der Bindungstheorie, die von dem britischen Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby entwickelt wurde. Diese Theorie besagt, dass Kinder eine angeborene Neigung haben, starke Bindungen zu ihren Hauptpflegepersonen zu entwickeln und diese für ihre emotionale Entwicklung und ihr Wohlbefinden von entscheidender Bedeutung sind.
Die bindungsorientierte Erziehung hilft Kindern, ein gesundes Selbstbewusstsein und Resilienz zu entwickeln. Außerdem fördert sie die emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, zukünftig stabile und gesunde Beziehungen aufzubauen.
Vgl. auch Bindungstrauma (Bedeutung) sowie Was ist Erziehung? und Selbstbewusstsein bei Kindern stärken
7 Prinzipien in der bindungsorientierten Erziehung
Empathie und Feinfühligkeit: Eltern reagieren aufmerksam und einfühlsam auf die Signale und Bedürfnisse ihres Kindes, sei es beim Weinen eines Babys oder den Sorgen eines Schulkindes.
Physische und emotionale Präsenz: Eltern sind physisch und emotional präsent und zugänglich für ihr Kind, was die Entwicklung von Vertrauen und Sicherheit fördert.
Unterstützende Begleitung: Eltern bieten Begleitung und Unterstützung bei der Erkundung der Welt und bei neuen Herausforderungen, anstatt übermäßig einzuschränken oder zu kontrollieren. Vgl. auch Familienregeln im Alltag
Positives Modellverhalten: Eltern sind sich ihrer Vorbildfunktion bewusst und zeigen Verhaltensweisen, die sie sich auch von ihrem Kind wünschen.
Konsequente Grenzsetzung: Grenzen werden klar und verständlich gesetzt und auf faire sowie liebevolle Weise aufrechterhalten, wobei Strafen vermieden werden, die das Kind demütigen oder verängstigen könnten.
Offene Kommunikation: Gefühle offen auszudrücken und dem Kind zuzuhören, ist wichtig. So lernt ein Kind, über seine Emotionen zu sprechen und Konflikte konstruktiv zu lösen. Vgl. auch Tipps für Wutanfälle bei Kindern
Sicherheit und Halt: Eltern bieten eine sichere Basis, von der aus das Kind die Welt erkunden kann, sowie einen sicheren Hafen, zu dem es immer wieder zurückkehren kann.
Ein Dorf für dein Kind
Bindung ist nicht nur Männersache oder Frauensache. Dein Kind kann zu mehreren Menschen eine tiefe Bindung aufbauen. Der Vater, die Großeltern oder die Erzieherin in der Kita – sie alle können wichtige Bindungspersonen sein.
Jede dieser Beziehungen ist einzigartig. Väter spielen oft wilder, fordern das Kind anders heraus. Das ist wunderbar! Es erweitert den Horizont deines Kindes.
Wichtig ist, dass alle Bezugspersonen feinfühlig auf das Kind reagieren. Hab keine Angst, dass dein Kind die Bindung zu dir verliert, wenn es sich bei der Oma wohlfühlt. Im Gegenteil: Je mehr sichere Bindungen ein Kind hat, desto resilienter wird es. Ein stabiles Netz trägt das Kind durch alle Lebensphasen.
Entwicklung durch gute Bindung
Was bedeutet das Wort Bindung? Laut der Entwicklungspsychologie erklärt der Begriff „Bindung“ die emotionale Verbindung zwischen den Hauptbezugspersonen, bzw. den Eltern und dem Kind. Die Bindung ist ebenso ein Überlebenstrieb des Kindes.
Es gibt auch viele kritische Meinungen über die „Bindungsorientierte Erziehung“. Dort gibt es Stimmen, die behaupten, dass durch das ständige Herumtragen, das Kind verzogen werden könnte oder dass das Konzept nur so lange umsetzbar ist, solange die Mutter nicht arbeiten geht.
Hierbei muss eines klar hervorgehoben werden: „Bindungsorientierte Erziehung“ ist kein Lebensstil. Hier geht es darum, die Bedürfnisse des Kindes und die Erfüllung dieser in den Fokus zu stellen, statt sich mit subjektiven, unerwünschten Verhaltensweisen des Kindes zu beschäftigen.
Ebenso wie in Konfliktsituationen gemeinsam Lösungen zu finden, statt diese dem Kind schon fertig zu präsentieren. Es geht nicht um die sofortige Erfüllung aller Wünsche zu jeder Zeit.
Die bindungsorientierte Erziehung ist auch nicht dem antiautoritären oder laissez-fairen Erziehungsstil zuzuordnen. Wird ein Kind verstanden und beschützt, kann es sich auf wesentlichere Dinge des Lebens konzentrieren. Es befindet sich nicht ständig im Überlebensmodus.
Warum ist das so wichtig? Es gibt im menschlichen Gehirn unterschiedliche Areale. Das „Reptilien–Gehirn“, ist der Hirnstamm. In diesem befinden sich unsere Urinstinkte, wie Kampf, Flucht und Erstarren.
Dieses Areal wird immer dann aktiv, wenn wir uns bedroht fühlen und sich unser Überlebensmodus einschaltet. Somit sind wir nicht zur gleichen Zeit in der Lage, uns auf andere Dinge zu konzentrieren.
Wird dem Kind nun Sicherheit in der Bindung gegeben und das stabil über längere Zeit, beruhigt sich dieses Areal des Gehirns und das „Helden-Gehirn“ wird aktiv. Damit ist der sogenannte präfrontale Cortex gemeint.
In diesem Areal finden die Gefühlsregulation und die Konzentration statt. Diese können sich somit aktivieren. Das vorher beschriebene Urvertrauen, welches durch eine gute Bindung gestärkt wird, ist wie ein innerer (psychischer) Schutzpanzer für dein Kind. Je stärker dieser ist, umso besser wird dein Kind später mit Stress, Krisen und Verlusten umgehen können.
Vgl. auch: Kind hat keine Freunde im Kindergarten sowie Konzentration bei Kindern fördern
Die 7 B’s der bindungsorientierten Erziehung
Birth Bonding
Direkt nach der Geburt, nehmen Mutter und Kind engen Körperkontakt auf.
Breastfeeding
Die Mutter stillt ihr Baby nicht nach Plan, sondern wann das Kind es möchte.
Babywearing
Die Eltern tragen das Baby so viel wie möglich am Körper.
Bedding close to Baby
Die Eltern schlafen mit dem Baby im selben Bett oder Zimmer.
Belief in Baby’s Cry
Hier glauben die Eltern daran, dass weinen ein Zeichen von zu wenig erfüllten Bedürfnissen des Kindes ist.
Balance and Boundaries
Die Eltern setzen klare Grenzen und nehmen sich viel Zeit dafür, etwas für sich zu tun.
Verstehe die Sprache deines Kindes
Ein Baby weint nicht, um dich zu ärgern. Ein Kleinkind wirft sich nicht schreiend auf den Boden, weil es dich manipulieren will. Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis. Deine Aufgabe ist es, dieses Bedürfnis zu finden. Wir nennen das Feinfühligkeit.
Das klappt in drei Schritten:
Wahrnehmen: Du bemerkst die Signale deines Kindes.
Interpretieren: Du überlegst, was dein Kind gerade braucht. Hat es Hunger? Ist es müde? Braucht es Nähe?
Reagieren: Du antwortest angemessen und schnell auf das Bedürfnis.
Wenn du so handelst, lernt dein Kind: „Ich werde verstanden. Meine Signale bewirken etwas.“ Das stärkt das Vertrauen in sich selbst und in dich. Du musst dabei nicht perfekt sein. Es reicht, wenn du in den meisten Fällen richtig liegst. Sogar aus Fehlern lernt dein Kind, wenn du dich danach wieder mit ihm verbindest.
Tipps für eine „Bindungsorientierte Erziehung“
Erfüllung von Grundbedürfnissen
Jedes Kind hat unterschiedliche Bedürfnisse nach Liebe, Essen, Schlafen etc. Versuche hier die Bedürfnisse deines Kindes herauszufinden, indem du es in seinem Verhalten beobachtest.
Liebevolle Nähe
Gib deinem Kind so viel Nähe, wie es braucht. Stelle viel Körperkontakt her.
Zeitnahe Reaktion
Bei Kindern ist in den ersten Lebensjahren noch kein Zeitgefühl vorhanden. Reagiere daher unmittelbar auf die Emotionen deines Kindes.
Begleitung von Emotionen
Wenn dein Kind in die Autonomiephase (Trotzphase) kommt und alle Emotionen bereits leben, jedoch nicht kontrollieren kann, bist du sein Anker. Begleite seine Emotionen ohne Vorwürfe.
Keine Strafen und Drohungen
Hinterfrage das Verhalten deines Kindes. Auch, wenn es dich sauer macht. Hinter seinem Verhalten steckt ein Bedürfnis, dass bis jetzt noch nicht gesehen wurde.
Respektvoller Umgang
Lieber Respekt als autoritäres Verhalten. Durch den Respekt gehst du wertschätzend mit den Gefühlen deines Kindes um. So kann sich eine sichere Bindung entwickeln.
Sei echt, nicht perfekt
Viele Eltern setzen sich unter Druck. Sie wollen alles richtig machen. Doch Bindungsorientierung verlangt keine Perfektion. Dein Kind braucht keine perfekten Eltern. Es braucht echte Menschen. Wenn du mal gestresst bist oder laut wirst, bricht die Bindung nicht sofort zusammen.
Wichtig ist die Versöhnung. Entschuldige dich bei deinem Kind, wenn du überreagiert hast. Sag: „Tut mir leid, ich war gerade sehr müde und habe zu laut geschrien.“ Damit lebst du deinem Kind etwas Wertvolles vor: Wir machen Fehler, aber wir können sie wiedergutmachen. Das nennt man „Repair“. Diese Momente der Versöhnung stärken die Bindung oft mehr als ein reibungsloser Alltag. Sie zeigen deinem Kind, dass eure Beziehung stabil genug für Konflikte ist.
Brauchen bindungsorientierte Kinder keine Grenzen?
Doch, absolut! Grenzen geben Sicherheit. Ein Kind ohne Grenzen fühlt sich verloren. Es ist, als müsste es auf einer Brücke ohne Geländer laufen. Aber: In der bindungsorientierten Erziehung setzen wir Grenzen ohne Gewalt und ohne Beschämung.
Statt zu sagen: „Hör sofort auf oder du gehst auf dein Zimmer!“, erklärst du deine eigene Grenze. Sag zum Beispiel: „Ich möchte nicht, dass du mich haust. Das tut mir weh.“ Bleib dabei körperlich nah. Deine Grenze schützt dich oder andere, aber sie bestraft das Kind nicht für seine Gefühle. Dein Kind darf wütend sein, dass es gerade nicht bekommt, was es will. Du begleitest diese Wut. Du hältst sie aus. So lernt dein Kind, seine Impulse zu kontrollieren, ohne seine Gefühle zu unterdrücken.
Eine Investition in die Zukunft
Was bringt bindungsorientierte Erziehung am Ende?
Die Forschung ist eindeutig: Sicher gebundene Kinder haben es im Leben leichter. Sie sind sozial kompetenter. Sie können sich besser in andere einfühlen. Sie sind seltener psychisch krank.
In der Schule lernen sie konzentrierter, weil sie keine Angst vor Fehlern haben müssen. Später führen sie stabilere Partnerschaften. Warum? Weil sie tief in sich das Wissen tragen: „Ich bin liebenswert. Ich kann anderen vertrauen.“ Dieses Urvertrauen ist das kostbarste Geschenk, das du deinem Kind mitgeben kannst. Es ist ein Kompass, der es sicher durch das ganze Leben leitet.
Fazit: Bindungsorientierte Erziehung
Egal, welchen Begriff man dem Ganzen gibt. Im Kern ist es unumgänglich. Urvertrauen, gestärkt durch eine gute Bindung benötigt jeder Mensch, für jede Situation im Leben.
Um eine gute Beziehung mit Freunden und Liebespartnern zu führen, um Selbstvertrauen, Sicherheit und Orientierung zu haben, um Neues auszuprobieren und gut mit Stress, Verlusten und Herausforderungen umgehen zu können. Daher kann es nicht sein, dass ein Kind durch enge Bindung verzogen wird. Sondern nur, durch die falsche Auffassung und Umsetzung des Begriffes „Bindungsorientierte Erziehung.“
Vgl. auch Autoritätsprobleme bei Kindern, die 6-Jahres-Krise oder: Wackelzahnpubertät sowie Innere Stärke entwickeln – Resilienzstärkung für Familien

