Schattenkinder: Geschwister kranker Kinder kommen oft zu kurz
Geschwister von kranken Kindern werden gemeinhin Schattenkinder genannt. Sie werden oft übersehen und emotional vernachlässigt, weil sich die Sorge der Eltern verständlicherweise um das kranke Geschwisterkind dreht. Das ist nicht nur schade, sondern auch tragisch. Denn in die betroffenen Kinderseelen schleichen sich Frust und Entbehrung ein, die sie Zeit ihres Lebens zeichnet.
Die Geschwister von kranken Kindern
müssen oft das Nachsehen haben: ihre Bedürfnisse werden schnell übersehen und sie drohen ins Abseits zu geraten.
Ein krankes Kind in der Familie ist eine gewaltige Herausforderung
Über 2 Millionen Kinder in Deutschland wachsen mit einem schwer kranken oder behinderten Geschwister auf. Ein schwerer Schicksalsschlag für die gesamte Familie. Plötzlich ändert sich alles, für die Eltern, das kranke Kind selbst und die Geschwisterkinder.
Diese Veränderungen sind in ihrem Ausmaß nicht zu unterschätzen. Mit einem Mal sind alle Aufmerksamkeit, Sorgen und Ängste auf das kranke Kind gerichtet.
Das ist nur allzu menschlich und verständlich, da es jetzt stark auf Hilfe und Mitgefühl angewiesen ist. In ihrer Sorge und Verzweiflung neigen leider viele Eltern dazu, unbewusst Erwartungen an ihre anderen, gesunden Kinder zu stellen.
Die Geschwisterkinder müssen mithelfen, Aufgaben übernehmen und sich mit ihren eigenen Bedürfnissen zurückhalten, um die Eltern zu entlasten. Die Erwachsenen sind meist überfordert und setzen im Stillen voraus, dass sich ihre gesunden Kinder der Situation anpassen. Dabei wird oft übersehen, wie belastend die Situation auch für die anderen Kinder der Familie ist.
Was sind Schattenkinder?
Schattenkinder ist der umgangssprachliche Ausdruck für Kinder, die im Schatten ihrer Geschwister stehen und weniger Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen. In den meisten Fällen sind dies gesunde Geschwister von kranken Kindern. Natürlich gibt es noch andere Gründe, dass Geschwisterkinder ins Abseits rutschen, doch eine schwere oder chronische Krankheit ist mit Abstand der häufigste Grund.
Schattenkinder stehen buchstäblich im Schatten, wo sie weniger gesehen und weniger gehört werden. Sie müssen in fast allen Bereichen das Nachsehen haben, sei es in der gemeinsamen Zeit mit den Eltern oder im Hinblick auf ihre kindlichen Sorgen und Nöte. Das hat nichts mit fehlender elterlicher Liebe zu tun. Es ist der Situation geschuldet, dass ein krankes Kind wegen seiner Hilfsbedürftigkeit mehr Rücksichtnahme und Pflege braucht.
Die große Gefahr dabei: Die gesunden Geschwister…
fühlen sich einsam
denken, sie wären weniger wichtig (Minderwertigkeitsgefühle)
werden innerhalb der Familie benachteiligt
glauben, nicht geliebt zu werden
verwahrlosen emotional (vgl. emotionale Venachlässigung)
Kindern wird zu viel Verantwortung aufgebürdet
Die Geschwister kranker Kinder werden in ihrer Gefühlsreife und Verständnisfähigkeit oft von den Eltern falsch eingeschätzt. Kinder sind sehr anpassungsfähig.
Natürlich spüren sie die Belastung und Sorgen der Eltern und nehmen ihre Ansprüche zurück. Natürlich wollen sie Aufgaben übernehmen, um den Alltag ihrer Eltern zu erleichtern. Natürlich lieben sie ihr krankes Geschwister und helfen bereitwillig.
Doch durch die Hilfsbereitschaft und Zurückhaltung der gesunden Geschwisterkinder übersehen die Eltern oft, dass auch sie mit der Situation heillos überfordert sind, insbesondere emotional – es sind ja noch Kinder. Der häufigste Fehler liegt dabei in der mangelnden Kommunikation über das Geschehen, die Krankheit und die Bedürfnisse der Kinder selbst.
Schattenkinder können es vielleicht nicht benennen, doch sie fühlen, dass es in ihrer Familie große Unterschiede zu anderen gibt. Nicht nur, weil ihr Geschwister krank ist, sondern auch weil sie beobachten, wie andere Kinder Zeit mit ihren Eltern verbringen, geherzt und mehr umsorgt werden.
Anzeichen für vernachlässigte Geschwister von kranken Kindern
Benachteiligte Kinder reagieren irgendwann auf die Vernachlässigung und entwickeln verschiedene Formen von Auffälligkeiten. Die typischen Verhaltensweisen durch emotionale Defizite sind:
Schulprobleme
Aggressivität (vor allem bei Jungs)
Neid auf das kranke Geschwister
weniger Selbstvertrauen
geringere Resilienz
Verhaltensauffälligkeiten (Bettnässen, sozialer Rückzug)
im schlimmsten Fall psychische Probleme, wie Depressionen und Ängste
Das alles sind im Grunde nur verzweifelte Mittel, um die Eltern auf sich aufmerksam zu machen. Auf ihre Bedürfnisse hinzuweisen. In diesen Situationen abwehrend zu reagieren, wäre genau der falsche Weg. Denn genau das versucht das Kind ja zu sagen: Auch ich brauche Dich!
Die wichtigsten Schritte, um Schattenkinder aus dem Schatten zu holen
Eltern sollten offen die eigenen Gefühle, Ängste und Sorgen kommunizieren. So lernen die Kinder, dass sie ihre Gefühle nicht zu verstecken brauchen. Vater und Mutter dürfen also ruhig sagen, dass es auch sie nervt, dass die kranke Schwester so oft spuckt, aber es ist nun mal nicht zu ändern. Vgl. auch handlungsorientiertes Lernen
Geschwisterkinder sind nicht nur Geschwister - sie sind auch eigenständige, kleine Persönlichkeiten, völlig unabhängig davon, ob sie Schwestern oder Brüder haben. Sie brauchen das Gefühl, genauso viel Wert zu sein wie das kranke Geschwister.
Darum ist es so wichtig, dass Eltern nicht nur liebe Worte äußern, sondern auch danach handeln. Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit sind das, was sich Kinder wünschen: Exklusivzeit quasi. Zum Beispiel ein TV-Abend, ein Einkaufsbummel, ins Schwimmbad oder ins Kino zu gehen.
Manchen Schattenkindern reichen gemeinsame Aktivitäten nicht. Sie haben Fragen und Sorgen, über die sie gerne sprechen würden. Es hilft nicht, einem Kind zu sagen: „Wenn Du Fragen hast, dann frag doch.“ Oder „Wir können über alles reden.“
Für die Kinder sind Themen über die Krankheit des Geschwisters so schwerwiegend, dass sie fürchten, die Eltern dadurch traurig, hilflos oder böse zu machen. Wichtig ist daher, dass betroffene Eltern von selbst auf ihre Kinder zu gehen und ihre Fragen beantworten.
Gemeinsame Auszeit für Familien mit kranken Kindern in Österreich
Familien mit schwer erkrankten Kindern können sich oft keinen Urlaub leisten, um zwischen den schweren Belastungen & Nöten einmal aufzuatmen. Stress & Sorgen beherrschen den Alltag von Eltern sowie Geschwisterkindern und hinterlassen tiefe Spuren.
Daher hat die Kinderhilfe der Deutschen Lebensbrücke zusammen mit der Arche Herzensbrücken in Tirol ein gemeinsames Spendenprojekt gestartet, um betroffenen Familien eine gemeinsame Auszeit zu gönnen, in der wirklich alle – Eltern, betroffene Kinder und gesunde Geschwister – sich erholen und neue Erlebnisse sammeln können. Und ihre Herzen mit neuer Kraft & Mut beleben.
Hier geht’s zum Familienhilfsprojekt: Erholung für Familien mit kranken Kindern
Hilfe für Familien mit kranken Kindern
Ist die Last zu groß, können sich betroffenen Familien immer bei den folgenden Einrichtungen melden, die genau auf diese Situationen spezialisiert sind:
Bei klassischen Erziehungsproblemen: Erziehungs- und Familienberatungsstellen und Beratungsstellen von pro familia (Bundesverband pro familia, Mainzer Landstr. 250-254, 60326 Frankfurt/M., Telefon 069 26957790)
Das Sorgentelefon OSKAR ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 8888 4711. Es berät und informiert zu allen Fragen, die mit lebensverkürzend erkrankten Kindern zu tun haben. Weitere Informationen unter www.oskar-sorgentelefon.de
Quellen:
1) Encyclopaedia: Wiki für Pädiatrie
2) Ariane Windsperger: Was sind Schattenkinder?
3) Novitas BKK: Schattenkinder, die vergessenen Geschwister
4) Christine Vetter: Pädiatrie: Gezielte Hilfe für Geschwister chronisch kranker Kinder (Dtsch. Ärzteblatt)
5) betanet: Geschwister kranker Kinder (PDF)
6) Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Gesunde Geschwister kommen leicht zu kurz
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