AD(H)S bei Kindern

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AD(H)S bei Kindern

Ca. 5 Prozent aller deutschen Kinder sind betroffen. Doch wie erkennt man ADHS? Und was unterscheidet ADHS und ADS?

ADHS ist fast schon ein Modewort: Schnell wird einem Kind, das dem berühmten „Zappelphilipp“ ähnelt, eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung zugesprochen. Mit rund 500.000 Betroffenen ist AD(H)S auch tatsächlich eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Weltweit sind sogar 5,27 % (1) betroffen.

Aber nicht jedes unruhige, impulsive oder unkonzentrierte Kind leidet an ADHS bzw. der Unterform ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Störung). Eine professionelle und klare Frühdiagnose ist wichtig: nur so können spätere Folgeschäden und ein unnötiges Leiden vermieden werden (2). Betroffene Kinder müssen so schnell wie möglich schulisch und privat unterstützt werden.

Auch wenn die genauen Gründe für AD(H)S noch immer nicht klar sind: Wissenschaftler vermuten die Ursache in fehlenden Filtern im Gehirn. Betroffene Kinder fühlen sich im Alltag ständig überfordert. Jeden Tag werden sie mit mehr Reizen konfrontiert, als sie verarbeiten können. In der Schule können sie sich nicht konzentrieren. Zu viel “passiert” gleichzeitig, mit der ständigen Reizüberflutung können sie nur schwer umgehen.

Grob zusammengefasst können AD(H)S-Symptome in 3 Kernbereiche eingeteilt werden (3):

Wie bei anderen psychischen Störungen zeigt sich die Symptomatik individuell unterschiedlich. Nicht alle Symptome treffen immer zu (4).  Vgl. auch Umgang mit ADHS-Kindern sowie 12 ADHS-Erziehungsfehler – Alltagstipps

 

Was ist AD(H)S bei Kindern?

Besonders für Laien ist AD(H)S bei Säuglingen und Kleinkindern schwer zu erkennen: Kinder haben nun mal unterschiedliche Charaktere. Manche sind unruhiger als andere, viele sind verträumt und sensibel. Andere sind impulsiv und wollen sich ständig bewegen.

Wie zappelig ist normal? Was ist nur eine momentane Trotzphase? Und überhaupt: Welches Kind sitzt schon gerne still, ist immer geduldig und fällt nie ins Wort?

Vieles bleibt eine Entwicklungsphase und wächst sich aus. Wenn die Symptome aber länger als 6 Monate unverändert bestehen, liegt die Diagnose einer ADHS oder ADS nahe – sofern andere körperliche und psychische Erkrankungen ausgeschlossen wurden: einige psychische und körperliche Krankheitsbilder verursachen ähnliche Symptome. Dazu zählen bipolare Störungen, Autismus-Spektrums-Störungen, Epilepsie und mehr. Vgl. auch Rolando-Epilepsie (Epilepsie bei Kindern im Schlaf)

Bei ca. 75 % der mit ADHS diagnostizierten Personen liegt eine weitere Diagnose vor. Meist handelt es sich um psychische Erkrankungen. Ob AD(H)S die Grund- oder Folgeerkrankung ist, bleibt unklar.

Nicht immer sind alle Anzeichen der Störung vorhanden. Oft werden aber bereits im Kindergarten oder in der Schule Verhaltensauffälligkeiten deutlich - den betroffenen Kindern fällt es schwer, sich in das Regelwerk äußerer Strukturen einzufinden. Spätestens mit Beginn der Schulzeit beginnen die Probleme: Betroffene Kinder können sich nur schwer auf die von Lehrern und Eltern bereitgestellten Lerninhalte konzentrieren.

Auch wenn die Vermutung bei vielen Kindern schon in früher Kindheit besteht: Die klinische Diagnose AD(H)S darf erst ab dem 3. Lebensjahr gestellt werden. Noch bis ins Grundschulalter hinein bleibt es schwer, AD(H)S sicher zu erkennen - auch wenn die Probleme meist vor dem 7. Lebensjahr beginnen. 

 

ADS und ADHS Symptome bei Kindern

Wichtig ist, zwischen ADHS und der weniger bekannten Unterform ADS zu unterscheiden. Die folgende Liste dient einer ersten Orientierung (5):

  1. ADS: Aufmerksamkeits-Defizit-Störung

  • Die betroffenen Kinder sind langsam, verträumt, ängstlich, schüchtern, empfindlich und sehr sensibel

  • Sie können dem Unterricht schwer folgen und sitzen oft stundenlang an ihren Hausaufgaben

  • Trotz guter oder sehr guter Intelligenz schreiben sie schlechte Noten.

  • Das erfolglose (schulische) Bemühen führt oft zu körperlichen Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen

  • Die Ursache der Beschwerden wird häufig nicht erkannt. Viele entwickeln weitere psychische Probleme

2. ADHS: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts- Störung

  • Betroffene Kinder leiden unter hyperaktiven Verhaltensauffälligkeiten

  • Sie sind impulsiv, unruhig, überdreht, ungeduldig, zappelig, aggressiv, schnell frustriert

  • Sie stören durch ihr auffälliges Verhalten

  • Sie haben einen übersteigerten Bewegungsdrang

  • Es kommt in der Familie und in der Schule immer wieder zu Schwierigkeiten

3. Überschneidungen zwischen ADS und ADHS:

  • Kinder mit ADS und ADHS haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren

  • Ihre Feinmotorik ist wenig ausgeprägt

  • Sie sind unkonzentriert, vergesslich, zerstreut, trödelig, unaufmerksam, emotional und haben eine schlechte Feinmotorik

  • Sie zeichnen sich durch eine mangelnde Impulskontrolle aus

  • Sie können sich schlecht selbst organisieren

  • AD(H)S zeigt sich in zu wenig Distanzempfinden

  • Beide sind dem Risiko psychischer Folgeerkrankungen sowie eines Suchtproblems ausgesetzt

 

ADS und ADHS unterscheiden sich also hauptsächlich in der (fehlenden) Hyperaktivität: Kinder, die an ADHS leiden, verhalten sich meist in der Schule und zuhause sichtbar auffällig. Von ADS betroffene Kinder sind eher unaufmerksam. Deshalb wird ADS auch als der „verträumte“ Subtyp (2) von ADHS bezeichnet: Betroffene Kinder haben sozusagen ADHS ohne das H (Hyperaktivität).

Zwischen den beiden Extremen gibt es Mischformen mit verschiedenen Kombinationen und Ausprägungen. Es scheint, dass Mädchen eher mit ADS und Jungen eher mit ADHS zu kämpfen haben. Da sie aber oft keinen übersteigerten Bewegungsdrang haben, ist die Dunkelziffer bei Mädchen wahrscheinlich höher. Die Schweregrade der Ausprägung werden in leicht, mittel und schwer unterteilt. Bei vielen Kindern wird ADHS sogar gar nicht erkannt.

Relevant für die Diagnose von AD(H)S ist: Es müssen deutliche Leiden oder Schwierigkeiten bei sozialen Kontakten und beim Lernen bestehen.

 

AD(H)S bei Kindern und die Ursachen

Mit 80% (6) haben genetische Faktoren den größten Anteil an der Entwicklung von AD(H)S.

Die tatsächlichen Symptome entstehen auf der Basis einer biologischen Disposition (Vulnerabilität). Weitere Risikofaktoren sind eine Frühgeburt, Geburtskomplikationen, aber auch Alkohol-, Drogen- und Nikotinkonsum während der Schwangerschaft.

Zwar führen Erziehungsfehler, Vernachlässigung und Missbrauch nicht zu AD(H)S. Das soziale Umfeld spielt aber in der Ausprägung der Symptome eine große Rolle. Familiäre und auch schulische Bedingungen können die Ausprägung der Problematik und den Verlauf wesentlich beeinflussen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen erhöhten familiären Belastungen, psychischem Stress während der Schwangerschaft und ADHS.

Nicht selten kämpft ein Elternteil selbst mit AD(H)S und muss mit dem Kind gemeinsam behandelt werden. Betroffene Erwachsene sind oft unkonzentriert, mit sich unzufrieden, innerlich und oft auch äußerlich voller Unruhe. Diese Unstetigkeit überträgt sich auf das Kind - der Erziehungsstil ist dementsprechend inkonsequent und unsicher.

Vgl. auch: Was ist Erziehung? – Bedeutung, Ziele & Aufgaben

 

ADHS, ADS und die Probleme in der Schule

Kinder mit ADHS sind für Lehrer*innen ein großes Problem: Sie stören den Unterricht, halten ihre Mitschüler vom Lernen ab und sorgen für ständige Unruhe.

Viele Lehrer wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen: sie haben zu wenig Wissen über die Symptomatik, um Schüler*innen mit ADHS in ihrer sozialen, geistigen und persönlichen Entwicklung zu stärken. Zudem erfordert eine individuelle Unterstützung ein hohes Maß an Empathie und Geduld: Die Lehrer müssen verstehen, wie betroffene Kinder lernen, denken, wie sie sich entwickeln. In überfüllten Klassen keine leichte Aufgabe für Lehrkräfte.

Von ADS betroffene Kinder werden im Unterricht hingegen oft kaum wahrgenommen. Einem genauen Beobachter fällt auf, dass sie langsam, desinteressiert und unaufmerksam sind. Den Schulalltag stören sie aber nicht. Sie leiden, unbemerkt von Lehrern und Eltern im Stillen: Trotz guter oder sehr guter Intelligenz sitzen sie oft stundenlang vor ihren Hausaufgaben. Dennoch schreiben sie in der Schule schlechte Noten. Sie benötigen oft Lernhilfe, sind in sich gekehrt oder sogar depressiv. Sie sind besonders gefährdet, psychische Folgeerkrankungen zu entwickeln.

 

ADHS und Ernährung

Die Mehrzahl der ärztlichen Behandler behandelt AD(H)S mittels einer psychopharmakologischen Therapie und/ oder einer kognitiven Verhaltenstherapie. Doch das alleine reicht nicht aus: eine umfassende Unterstützung ist wichtig. Neuere Studien wie die der Universität Yale zeigen, dass die Ernährung bei AD(H)S eine große Rolle spielt (7).

Der überhöhte Verzehr von Zucker beispielsweise sorgt für verstärkte Konzentrationsschwierigkeiten. Deshalb sollten betroffene Kinder möglichst wenige zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke zu sich nehmen (8).

Ärzte und Therapeuten glauben: Nicht nur viel Zucker, auch Nahrungszusätze und Farbstoffe können sich negativ auf den Verlauf von AD(H)S auswirken. Ein Speiseplan, der reich an ungesättigten Fettsäuren, vielen Proteinen und Vitaminen ist, kann die Symptome signifikant lindern.

Eine Studie an der Universität Göteborg in Schweden zeigte beispielsweise, dass die tägliche Aufnahme von gesunden Omega 3 Fettsäuren (wie in Sardinen, Thunfisch und Lachs) die ADHS Symptome um ganze 50 % senken konnten.

Klar ist: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist wichtig. Wenn ein Kind zu wenig frische und gesunde Lebensmittel zu sich nimmt, ist der Körper nicht ausreichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt. Der daraus entstehende versteckte Hunger kann zu einer Verschlechterung der Symptomatik bei AD(H)S führen.

Ned Hallowell, Gründer des Hallowell Center for Coginitive and Emotional Health, hat sich auf die Ernährung von AD(H)S Kindern spezialisiert (9). Sein Tipp ist: Bei jeder Mahlzeit sollte die Hälfte des Tellers aus Obst und Gemüse bestehen. Ein Viertel der Portion aus Protein, eins aus Kohlenhydraten. Besonders Nüsse, mageres Fleisch und Geflügel, gesundes Müsli, Leinöl, hochwertiges Olivenöl wirken sich positiv auf die Kindergesundheit aus.

 

Sozial schwache Kinder sind benachteiligt

In puncto Ernährung sind sozial schwache Kinder mit AD(H)S ganz klar die Verlierer: ihre Eltern können sich die so dringend empfohlene gesunde Ernährung nicht leisten. Der regelmäßige Verzehr von hochwertigen ungesättigten Fettsäuren wie Fisch oder guten und somit teure Ölen ist in einem knappen Hartz IV Budget nicht vorgesehen. 

Viele bedürftige Kinder erhalten auch nicht die notwendige Unterstützung und sind sich selbst überlassen: Sie verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher, auf stark beengtem Wohnraum. Studien zeigen, dass ein erhöhter Medien- und Fernsehkonsum sowie zu wenig Platz für Bewegung und Freiraum den Verlauf von AD(H)S negativ beeinflussen: » Bewegungserziehung

Weil ein Kind mit AD(H)s unter einer ständigen Reizüberflutung leidet, sollte es nicht zu vielen Reizen ausgesetzt werden. Viele bedürftige Kinder sind mittags nach der Schule aber allein zuhause: Oft müssen beide Elternteile sogar jeweils in 2 Jobs arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Oder sie können sich aus anderen Gründen nicht um ihr Kind kümmern. Sie können oder wollen den Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen, haben weder Zeit noch Energie, ihr Kind zu unterstützen.

Deshalb vertreiben sich viele betroffene Kinder die Zeit durch einen zu hohen Fernseh- und Videospielkonsum und dem unkontrollierten Genuss von Chips und Cola – was den Teufelskreis verstärkt. 

 

ADHS und Kinderarmut hängen zusammen

Schwierige Familienverhältnisse können den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen und die Entwicklung von Angst bei Kindern und Aggressivität verstärken. Psychosoziale Risikofaktoren sind (10):

  • Eine unvollständige Familie, d.h. das Aufwachsen mit einem alleinerziehenden Elternteil oder ohne Eltern

  • Die psychische Erkrankung eines Elternteils, vor allem bei Alkoholkonsum in der Familie

  • Eine unsichere Bindung zur nächsten Bindungsperson und eine damit verbundene unsichere Umgebung (Vgl. auch Bindungsorientierte Erziehung - Was ist das?)

  • Eine familiäre Instabilität, ständiger Streit zwischen den Eltern

  • Ein niedriges Familieneinkommen, sehr beengte Wohnverhältnisse

  • Inkonsequenz in der Erziehung, fehlende Regeln

  • Zu häufige Kritik und Bestrafungen

  • Ein ungeordnetes Elternhaus, in dem der Alltag unstrukturiert ist und Regeln nicht eingehalten und durchgesetzt werden.

 

Wie können wir im Umgang mit AD(H)S Kindern helfen?

In vielen sozial schwachen Familien häufen sich die psychosozialen Risikofaktoren. Viele bedürftige Kinder fühlen sich minderwertig, spüren die ständigen Sorgen um Job und Einkommen. Oft haben die Eltern kaum Zeit, die Kinder werden vor dem Fernseher „geparkt“.

Umso wichtiger ist es, diesen Kindern zu helfen.

Die Kinder haben zu wenig körperliche Aktivität, Toben, Bewegung, Neugier, geistige und kreative Inspiration in ihrem Leben. Viele leiden unter emotionaler Vernachlässigung. Zudem haben sie aus Platzgründen zuhause wenig Rückzugsmöglichkeiten - sie können nicht einfach mal eine Tür zu machen und abschalten. Aus Zeit- und Geldgründen unternimmt die Familie wenig zusammen, gemeinsame Mahlzeiten gibt es oft nicht. Die für Kinder so wichtige Struktur im Tagesablauf fehlt. All diese Facetten bedingen die Entwicklung und verschlechtern den Verlauf von AD(H)S.

Noch eine Bitte: Jedes von AD(H)S betroffene Kind hat nicht nur das Recht auf, sondern ist auch dankbar für die richtige Diagnose und eine darauf aufbauende und gezielt angepasste Unterstützung. Zu wissen, welcher Grund hinter den schulischen und sozialen Problemen steckt, ist oft schon der halbe Weg zur erfolgreichen Behandlung. Wenn Sie glauben, dass Ihr Kind an AD(H)S leidet, erhalten Sie an den folgenden Stellen kompetente Hilfe:


Quellen:

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1) Social History of Medicine, Volume 30, Issue 4, November 2017
2) NetDoctor.de
3) Patienten-Information.de
4) ADHS-HYPERAKTIVITAET.DE
5) betanet
6) adhs-ratgeber.com
7) zentrales adhs-netz
8) The JOURNAL of PEDIATRICS, Volume 126, Issue 2, February 1995
9) ADDitudeMag.com
10) Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V.

Ariane Faralis

Ariane ist studierte Soziologin & hat eine eigene private psychotherapeutische Praxis. Sie verstärkt unsere Online-Redaktion mit fundierten Fachtexten und wertvollem Content. Ariane’s Motto: ”Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit” (Erich Kästner)

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