Partizipation in der Pädagogik – Bedeutung, Stufen, Prinzip

Mittlerweile begegnet uns der Begriff „Partizipation“ fast überall. Doch was bedeutet er ganz konkret für Kinder im Alltag? So oft wie das Wort verwendet wird, so unterschiedlich sind auch die Meinungen und Klischees, die damit verbunden sind. Genau diese Meinungen stehen hier jedoch nicht im Vordergrund. Wichtiger ist, was Partizipation aus pädagogischer und psychologischer Sicht bedeutet – und welche positive Wirkung sie auf Kinder, ihre Entwicklung und das Zusammenleben in der Familie haben kann.

Partizipation in der Pädagogik – Bedeutung, Stufen, Prinzip

Sorgt Partizipation für verwöhnte Kinder?

Beim Konzept „Partizipation“ scheiden sich die Geister. Manche sind überzeugt, dass es wichtig ist, Kindern Mitbestimmung und Entscheidungsfreiheit zu ermöglichen. Andere meinen, Partizipation müsse verhindert werden. Häufig steckt dahinter das Bild vom „lieben“, „braven“ Kind, das möglichst problemlos funktioniert und immer folgsam ist.

Dabei ist Partizipation kein moderner Erziehungstrend ohne Grenzen, sondern eine pädagogische Haltung, die auch „Teilhabe“ genannt wird. Kinder lernen, eine eigene Meinung zu haben, ihre Stimme zu nutzen und altersgerecht mitzuentscheiden. Mehr erfahren: Autonomiephase (Trotzphase) verstehen

Hier beginnt oft der Konflikt. Es gibt Gegenwehr und kritische Stimmen von Sorgeberechtigten. Denn wenn Kinder beteiligt werden, sind sie nicht immer lieb und angepasst. Das verunsichert viele Erwachsene.

Mehr dazu: Kindern Grenzen setzen + Was tun, wenn Kinder nicht hören

 

Echte Partizipation fordert uns heraus

Sie braucht Geduld, Ausdauer, aufrichtiges Interesse und die Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu prüfen. Das ist unbequem – und oft auch anstrengend. Doch genau außerhalb der Komfortzone entstehen Wachstum und Entwicklung – für Kinder und Jugendliche, ja sogar für uns Erwachsene.

Die Erwartung „Kinder sollen hören und brav sein“ hat einen Preis

Wenn die Ruhe der Erwachsenen wichtiger ist als die Bedürfnisse der Kinder, hat das Folgen: Kinder und Jugendliche mit Problemen in der Emotionsregulation, mit Ängsten, Depressionen, Aggressionen oder anderen Verhaltensauffälligkeiten. Daraus werden junge Menschen, die Entscheidungen meiden, sich von politischen und gesellschaftlichen Themen überfordert fühlen und sich nicht beteiligen.

  • Wenn ein Kind immer nur hören soll, ohne fragen oder kritisch denken zu dürfen,

  • wenn es lieb sein muss, ohne zu erfahren, dass alle Gefühle erlaubt sind,

  • und wenn es ständig gehorchen soll, ohne eine eigene Haltung zu entwickeln,

dann nehmen wir diesem Kind entwicklungsrelevante Erfahrungen, wie Selbstwirksamkeit, Verantwortungsgefühl, Empathie und Orientierung in einer komplexen Welt.


Partizipation heißt nicht, dass Kinder „verwöhnt“ werden. Partizipation heißt, Kinder ernst zu nehmen und sie auf ein selbstbestimmtes Leben vorzubereiten.

 

9 Stufen der Partizipation (Modell nach Wright)

Die 9 Stufen der Partizipation, oft nach dem Modell von Wright, beschreiben ein Spektrum von Beteiligung: angefangen von vollständiger Fremdbestimmung bis zur ganzheitlichen Selbstverwaltung, wobei die ersten Stufen (1–5) eher Vorstufen sind und die höheren Stufen (6–9) echte Mitbestimmung darstellen und schließlich in Selbstbestimmung münden, die über reine Partizipation hinausgeht.


Stufe 1: Instrumentalisierung

Hier zählen die Bedürfnisse der Kinder kaum oder gar nicht. Andere entscheiden, um bestimmte Ziele zu erreichen. Oft wissen die Kinder nicht einmal, worum es geht.

Beispiel „Spendenaktion“:

Kinder sammeln Spenden „für Kinder“, ohne zu verstehen, wofür genau. Sie konnten nicht selbst entscheiden, ob sie mitmachen wollen. Im Mittelpunkt steht der Spendenbetrag, nicht das Kind.

2. Beispiel:

Eltern stellen ihr Kind mit einem Limonadenstand in den Vorgarten. Das Kind weiß nicht, warum es das tun soll, und hatte kein Mitspracherecht. Hauptsache, es kommt Geld in die Kasse.


Stufe 2: Anweisung

Erwachsene sind überzeugt, zu wissen, was gut ist. Kinder werden nicht gefragt, sie sollen einfach folgen.

Beispiel: In der Kita legen die pädagogischen Fachkräfte fest, wann und was gegessen wird und wann geschlafen wird. Was die Kinder möchten, spielt keine Rolle.


Stufe 3: Information

Kinder werden informiert, was entschieden wurde, und dürfen innerhalb enger Grenzen wählen.

Beispiel: Ein Kind darf zwischen Bananenmilch und Erdbeermilch auswählen. Eigene Ideen, zum Beispiel Wasser oder Tee, sind von vornherein ausgeschlossen.


Stufe 4: Anhörung

Kinder dürfen sagen, was sie sich wünschen. Ob diese Wünsche berücksichtigt werden, entscheiden die Erwachsenen.

Beispiel: Die Kinder sagen, dass sie gern frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück hätten. Den Bezugspersonen ist das zu aufwendig, deshalb bleibt es bei Bananen- und Erdbeermilch.


Stufe 5: Einbeziehung

Die Wünsche der Kinder werden ernst genommen und von einer Person gebündelt weitergegeben. Die letzte Entscheidung treffen aber weiterhin die Erwachsenen.

Beispiel: Ein Kind oder eine kleine Kindergruppe sammelt die Getränkewünsche und trägt sie vor. Trotzdem entscheiden am Ende wieder die Erwachsenen, was es gibt.


Stufe 6: Mitbestimmung

Kinder und Erwachsene kommen ins Gespräch, verhandeln und stimmen gemeinsam ab. Kinder haben spürbaren Einfluss.

Beispiel: Die Kinder wünschen sich Orangensaft. Gemeinsam wird überlegt, wie das machbar ist. Die Kinder kaufen Orangen ein und helfen beim Auspressen. So wird ihr Wunsch umgesetzt, und sie gestalten aktiv mit.


Stufe 7: Teilweise Entscheidungsrechte

Kinder bekommen in bestimmten Bereichen das Recht, selbst zu entscheiden. Die Erwachsenen behalten die Gesamtverantwortung.

Beispiel: Eine neue Kita wird eröffnet. Die Kinder überlegen sich den Namen ihrer Gruppe und stimmen darüber ab.


Stufe 8: Geteilte Entscheidungsmacht

Kinder und Erwachsene entscheiden auf Augenhöhe und setzen Beschlüsse gemeinsam um. Erwachsene bleiben als Unterstützung und zur Orientierung ansprechbar.


Stufe 9: Selbstverwaltung

Kinder planen und gestalten Projekte eigenverantwortlich. Sie tragen die Entscheidungen und die Verantwortung dafür.


In den Stufen 1 und 2 gibt es keine echte Beteiligung, Kinder werden fremdbestimmt. Stufe 3 und 4 sind ein Einstieg: Kinder bekommen erste Informationen und dürfen Wünsche äußern.

Ab Stufe 5 beginnt wirkliche Partizipation, die sich in den Stufen 6 bis 9 immer weiter vertieft – von Mitbestimmung bis hin zu echter Selbstbestimmung.

 

Partizipation hat positive Auswirkungen

  • lernen, die eigene Meinung zu äußern

  • kennenlernen verschiedener Sichtweisen

  • Verständnis dafür, dass jede Meinung ihre Berechtigung hat

  • Training kommunikativer Fähigkeiten

  • konstruktiver Umgang mit Konflikten

  • wertschätzender Umgang mit Meinungsverschiedenheiten

  • Respekt vor Gegenargumenten

  • erstes Verständnis von demokratischen Prozessen

 
Was bringt Partizipation in der Pädagogik?

Was bringt Partizipation in der Pädagogik?

Gelungene Partizipation wirkt sich positiv auf die sozialen Fähigkeiten deines Kindes aus. Wenn es mitbestimmen darf, erlebt es sich als eigenständige Persönlichkeit: wirksam, wichtig und willkommen.

Nebenbei förderst du Selbstständigkeit und Selbstvertrauen. Dein Kind lernt, dass Entscheidungen Folgen haben, und bekommt ein Gefühl für die Tragweite seines Handelns.

Für dich als Elternteil bedeutet Partizipation, dich bewusst mit den Bedürfnissen deines Kindes auseinanderzusetzen. Du entdeckst neue Perspektiven – und oft auch Stärken deines Kindes, mit denen du vielleicht nicht gerechnet hast. Wenn ihr verschiedene Formen der Beteiligung zeitweise konsequent lebt, wird vieles mit der Zeit selbstverständlich.

 

Dann kann etwas Wunderbares entstehen: Entlastung. Dein Kind wirkt ruhiger, innerlich ausgeglichener. Du entspannst dich. Und plötzlich fühlt sich das Miteinander leichter an. Warum?

Weil ihr bewusster lebt, mehr miteinander sprecht und euch absprecht. Aufgaben und Entscheidungen werden geteilt, niemand fühlt sich mehr alleinverantwortlich. Mehr dazu: Familienresilienz im Alltag

Jedes Familienmitglied erlebt hautnah: Ich werde gehört und gesehen.


Quellen:

1) Simon Wieking: Partizipation in Kita, Kindergarten und Pädagogik
2) erzieherin-ausbildung.de: Partizipation im Kindergarten – Grundlagen, Methoden und Beispiele
3) Deutscher Bildungsserver: Materialien zur Partizipation & Demokratiebildung von Kindern

Svenja Gleffe – Redaktion Deutsche Lebensbrücke

Svenja ist ausgebildete Pädagogin, studierte Fachkraft für frühkindliche Entwicklungsberatung und schreibt als Autorin über Erziehung und Kinderpsychologie. Sie unterstützt unsere Redaktion mit fundierten Fachtexten zu Kinderschutz und Kindesentwicklung. Ihr Motto: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen!“ (Aristoteles)

Co-Autorin: Tamara Niebler, freie Journalistin und seit mehreren Jahren Teil des Redaktionsteams der Deutschen Lebensbrücke.

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