Sharenting – Wenn Eltern Kinderbilder im Netz teilen

Immer mehr Eltern stellen Fotos und Angaben zu ihren Kindern online, oft bereits in den ersten Lebensmonaten. Und das, obwohl in den gleichen Medien, in TV und Zeitungen ständig vor den Gefahren (z.B. Nutzung der Fotos durch Pädophilen-Ringe) oder zu anderen kriminellen Zwecken gewarnt wird. Studien zeigen, dass der Übergang vom Sharenting zum Kid-Influencing fließend ist.

 
Sharenting – Kinderbilder im Netz

Kidfluencer ab dem ersten Kinderschrei

Der Grund ist dabei nicht nur Stolz der Eltern auf ihren tollen Nachwuchs. Mit Sharenting lässt sich, wenn es professionell betrieben wird, viel Geld verdienen, bis zu mehreren Millionen Euro im Jahr.

In den USA können Family-Vlogger siebenstellige Summen erziehen. Wächst ein zunächst Kleiner Hobby-Sharing Account zu solch einer Größe an, wird der Spaß zum Geschäft: Eltern geben ihren Beruf auf und kümmern sich nur noch um Reichweite und Verträge des Family-Accounts.

Eine gute Reichweite ermöglicht den Familien lukrative Sponsoring-Deals. Affiliate-Einnahmen und Merchandise können vier- bis fünfstellige Monats-/Jahresbeträge bringen; die genaue Summe ist stark abhängig von Plattform, Engagementrate und Management.  

 

Sharenting ist ein Kunstwort

aus den englischen Begriffen „share“ (teilen) und „parenting“ (Elternschaft) und beschreibt das Phänomen, dass Eltern viele persönliche Informationen, Fotos und Videos ihrer Kinder auf sozialen Medien und im Internet veröffentlichen, was Risiken wie Verletzung der Privatsphäre, digitale Identitätsprobleme und sogar Gefahren durch pädophile Netzwerke birgt.

 

Die Kehrseite der Medaille

Die Folgen von Sharenting für Kinder

Welche psychologischen, sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen hat das Sharenting auf die betroffenen Kinder?


Psychologisch/sozial

  • Digitaler Fußabdruck & Verlust von Privatsphäre: Inhalte bleiben langfristig verfügbar; Kinder können später Scham, Mobbing oder Nachteile erleben.

  • Identitätsbildung und Fremdsteuerung: Kinder entwickeln ihre Identität genau in der Phase, in der Eltern und Follower die Darstellung mitbestimmen; es droht eine „Dauerperformance“ statt freiem Spiel. Studien zu Sharenting/Kidfluencern beschreiben negative Auswirkungen auf Selbstwahrnehmung und Mediennutzung.

  • Sicherheitsrisiken: Höhere Sichtbarkeit erhöht das Risiko von unerwünschter Kontaktaufnahme, Missbrauch, Ausbeutung oder gezielter Belästigung. Gesetzgeber und Schutzstellen warnen explizit davor.


Kommerzielle/ökonomische Dynamiken

Sind die Eltern Manager, ist der Interessenkonflikt quasi vorprogrammiert: Die Monetarisierung kann ökonomischen Druck erzeugen, weil von Followern und kommerziellen Partnern regelmäßiger Content verlangt wird und Verkaufszahlen erwartet werden. Einnahmen kommen oft den Eltern/Agenturen zugute; Fragen zur fairen Vergütung und Vermögenssicherung des Kindes (z. B. Treuhand/Trusts) sind relevant.


Rechtlich / regulatorisch

Recht am eigenen Bild & Jugendschutz: In Deutschland gelten das Recht am eigenen Bild, Datenschutz (DSGVO) und das Jugendschutzrecht; kommerzielle Nutzung von Kinderbildern bzw. Arbeit durch Minderjährige unterliegt zusätzlichen Regeln (Arbeitsrecht/Kinderarbeitsschutz, werbliche Kennzeichnungspflichten). Aktuelle Regelungen sind allerdings noch uneinheitlich und werden kritisiert; es gibt Bestrebungen, Schutzlücken zu schließen. 


 

Sharenting-Risiken laut Studien:

  1. Verlust von Autonomie und Entscheidungsfreiheit des Kindes über das eigene Bild

  2. Psychische Belastungen: erhöhter Vergleichsdruck, Leistungs-/Perfomancedruck, mögliche Angst- und Depressionstendenzen

  3. Monetäre Ausbeutung ohne ausreichende Sicherung der Erträge zugunsten des Kindes

 

Vom Mondlicht zum Ringlicht

Früher träumten Kinder davon, Astronaut’in zu werden und im Mondlicht zu schwimmen. Heute setzen Sie sich ins Ringlicht und baden im Meer von Followern. Nein, das ist natürlich übertrieben, und längst nicht alle Kinder sind so. Aber es werden immer mehr, und Eltern, die selbst Social Media Aficionados sind, ebnen ihren Kindern den Weg in dieses Paralleluniversum.

In den meisten Fällen bleibt das eine Phase, und der Reiz von TikTok & Co. verblasst spätestens dann, wenn etwas anderes in den Mittelpunkt ihres Lebens rückt, das ihre Emotionen positiv fesselt und ihre Zeit in Anspruch nimmt. Ein Haustier, der erste Schwarm oder ein neues, tolles Hobby. Trotzdem ist Wachsamkeit geboten, liebe Eltern.

Hier ein paar Tipps, die euch vielleicht helfen können, eure Kids auf ihrem Social Media Weg zu begleiten:

 

Die Maxime

Die Grenze bleibt stabil, wenn

  • das reale Leben Vorrang hat,

  • Privates privat bleibt,

  • das Kind jederzeit Nein sagen kann

  • und Rückmeldungen aus dem echten Umfeld wichtiger sind als Likes.

 

Kinderbilder im Netz sicher teilen

Setzt eine klare Regel

Das Kind darf nicht nach „Wirkung“ handeln, sondern nach Gefühl. Dafür wird regelmäßig gefragt: „Wie hat es sich angefühlt?“ statt „Wie kam es an?“. Das fördert die Innenwahrnehmung und nicht die Außenbewertung. Übrigens: Diese Frage dürfen wir uns als Social-Media-Eltern ruhig auch immer mal wieder stellen.

Begrenzt die Sichtbarkeit

Das ist wohl die wichtigste Regel, und für Kidfluencer am schwersten zu befolgen. Hier sind die Grenzen: kein Privatleben als Content. Keine Inhalte zu Krankheit, Wut, Konflikten, Ängsten, Schulleben, Schlafzimmer. Damit schützt ihr euer Kind vor kriminellen Übergriffen und verhindert, dass es mit seinem virtuellen Ich verschmilzt.

Keine Echtzeit-Postings

Eine Verzögerung von 24–48 Stunden trennt das erlebte Ereignis von der virtuellen Inszenierung. So behält das Kind die Erinnerung an das echte Erlebnis und seine Gefühle dabei.

Kontrolle über die Reaktionen

Das ist etwas, was ihr als Eltern unbedingt tun solltet. Deaktiviert die Kommentare für eure Kinder oder setzt sie wenigstens auf „nur Freundeskreis/moderiert“. Das reduziert die Abhängigkeit von Likes und Rückmeldungen und schützt euer Kind vor Verletzungen durch negative Kommentare und Hate.

Setzt klare Zeit- und Produktionsgrenzen

vereinbart feste, nicht verhandelbare Bildschirmzeiten und Dreh-/Posting-Zeiten. Dazwischen sollten eure Kids komplett offline gehen. Das gilt auch für die Eltern, und damit werden Dopamin-Schleifen verhindert.

Keine Posting-Verpflichtungen

Macht eurem Kind immer wieder klar, dass es sofort pausieren kann, wenn es „keine Lust“ mehr hat. Und zwar ohne die Angst, etwas zu verlieren oder zu versäumen. Macht stattdessen was Tolles zusammen! Das stärkt die Verankerung in der Wirklichkeit und schützt vor einer Performance-Identität.

 

Übrigens:

Bei Sharenting müsst ihr in Deutschland auf einiges achten

  • Recht auf Mitsprache & Widerruf: Das Kind muss vor jedem Posting gefragt werden, und es muss jederzeit Nein sagen können.

  • Inhalte sollten gemeinsam gelöscht werden, damit das Kind Autonomie und Selbstbestimmung erlebt.

  • Keine finanzielle Motivation für das Kind: Geld darf nie als Argument verwendet werden („Wir bekommen dafür…“), „Das ist ein tolles Video, dafür bekommen wir viel…“).

  • Einnahmen (falls vorhanden) auf einem Treuhandkonto sammeln. Z.B. nach französischem oder US-Vorbild für Kinder-Influencer. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber oft gehen Einnahmen, die mit und durch Kidfluencer erzielt wurden, im Familienhaushalt unter.

  • Offline-Sozialräume sichern: Freunde und Freizeitaktivitäten ohne Kamera sind nicht verhandelbar. Denn nur echte Beziehungserfahrungen stabilisieren die Identität der gesamten Familie!

MaJa Boselli

MaJa hat Romanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit über 20 Jahren Fachartikel im sozialen Bereich. Von praktischen Themen wie Kinderhilfe bis hin zur Sozialpolitik. Außerdem bloggt und twittert sie leidenschaftlich, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Ihre Spezialität: so lange am Thema dranbleiben, bis allen alles klar ist. Ihr Motto: “ich schreibe, also bin ich.”

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