Was tun, wenn Kinder nicht hören?

Wenn Kinder nicht hören, stehen Eltern und Bezugspersonen oft vor einer großen Herausforderung. Wichtig ist zunächst, die Ursachen für das Verhalten zu verstehen, denn wenn Kinder nicht gehorchen, kann das viele Gründe haben: mangelnde Aufmerksamkeit, Entwicklungsphase, emotionale Belastungen.

 
Wenn Kinder nicht hören wollen

Mein Kind hört einfach nicht

Es gibt unterschiedliche Ursachen, warum dein Kind nicht zuhört oder deinem Wunsch nicht folgt.

2 typische Erklärungen sind, es kann nicht oder es will nicht:

  1. Ein Kind will dann nicht, wenn es Gründe dafür hat, die im Augenblick bedeutender sind, als das, was gerade von ihm erwartet wird. Diese Gründe kann es jedoch meistens noch nicht erklären.

  2. Ein Kind kann nicht, wenn es wirklich nicht fähig ist, die Erwartung zu erfüllen.

In dem Moment, in dem du kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehst oder wütend wirst, halte kurz inne und erinnere dich: Dein Kind tut nichts böswillig und aus der Absicht heraus, dich zu ärgern. Es ist eine eigenständige Persönlichkeit und hat wahrscheinlich in solchen Momenten, andere Bedürfnisse als du. Diese kann es jedoch nicht selbst (oder ohne Orientierungsfragen) in Worte fassen.

Hier ist es also nötig, auf Augenhöhe ein klares Gespräch zu führen, natürlich unter der Voraussetzung, dass dein Kind vom Entwicklungsstand her, bereits dazu in der Lage ist. Dein Kind möchte in dem Moment des „Nicht – Zuhörens“ etwas Bestimmtes: von dir: dass du seine Ziele und Bedürfnisse siehst und ernst nimmst.

 

Überforderung führt dazu, dass Kinder nicht auf ihre Eltern hören können

Wenn dein Kind überhaupt nicht auf dich hört, kann das ebenso daran liegen, dass es einfach überfordert ist. Und heute sind Kinder tatsächlich häufiger überreizt, als viele Eltern ahnen.

Zu typischen Überforderungssituationen für Kinder zählen:


Zu viel Druck

Das erzeugt bei deinem Kind Gegendruck – und zwar instinktiv. Instinktiver Gegendruck ist ein natürlicher Reflex und keine Provokation.

Volle Konzentration

Dein Kind ist in sein Spiel eingetaucht und nicht erreichbar. Ein Kind blendet dann alles um sich herum aus.


Zu viel Kooperation

Ein Kind muss bereits den ganzen Tag gehorchen, kooperieren und mitmachen. In der Kita, Schule, bei Freunden, im Verein etc. Wenn es nach Hause zur Bezugsperson kommt, lässt ein Kind erst mal allen Gefühlen freien Lauf, die es den ganzen Tag unterdrückt hat. Kommt dann eine Aufforderung oder ein „Nein“ von der Bezugsperson, läuft das „Kooperationsfass“ des Kindes über. 

Ein Missverständnis

Dein Kind versteht nicht, was du meinst. In der Erwachsenensprache sind häufig enthalten: Zweideutigkeiten, Verneinungen, indirekte Hinweise, zu viele Informationen, Unsicherheiten, Fragen statt klarer Ansagen.

Ein Kind versteht so viele Uneindeutigkeiten noch nicht. 


 

Die 3 goldenen Regeln

1) Kind verstehen

Der erste Schritt: verstehen, dass dein Kind gerade andere Bedürfnisse hat als du, und das akzeptieren. Wo steht dein Kind gerade? Das findest du über Kommunikation heraus.

Hier ein paar Beispiele:

  • „Oh, ich verstehe, du möchtest lieber…“

  • „Wow, da hattest du wirklich eine tolle Idee!“

  • „Ich kann verstehen, dass es nicht schön für dich ist, dass…“

2) In Verbindung gehen

Aktiviere die Verbindung zu deinem Kind wieder durch:

  • freundlich Augenkontakt halten

  • sanfte Berührungen an Arm und Rücken

  • Nähe zeigen

    • Kind beim Namen nennen

    • Interesse an dem zeigen, was es gerade tut

    • es zum Lachen bringen

3) Für Klarheit sorgen

Was dein Kind an Wörtern versteht und umsetzen kann, hängt von der Hirnreife ab. Steht dein Kind am Anfang der ersten Autonomiephase (Trotzphase), kann es mit dem Begriff „nicht“ noch nichts anfangen. Das Gehirn filtert daher dieses Wort sofort heraus. Es ist noch keine Definition damit verbunden. Daher hört dein Kind nur das Verb, das folgt, und setzt es um.

Sagst du also zu deinem Kind: „Nicht machen“, kannst du dir sicher sein, dass es das auf jeden Fall tun wird. Weniger aus Bosheit, sondern, weil es nur das Verb versteht.

Kommuniziere lieber offen: Melde deinem Kind gern zurück, dass du verstanden hast, welches Bedürfnis es gerade hat, und schildere im Anschluss deines. Sobald sich dein Kind wahrgenommen fühlt, ist es auch eher zur Kooperation bereit. 

Sprich in klaren und unmissverständlichen Worten. Vermeide es, einen Satz wie eine Frage ausklingen zu lassen. Vermeide Floskeln, wie „das macht man so“ oder „Mama/Papa macht das traurig“.

 

Die ABK–Regel einfach erklärt

Die „ABK–Regel“ kannst du in allen Situationen anwenden, solange keine Gefahr im Verzug ist.

  • A = Akzeptanz= akzeptiere erst die Gefühle und Bedürfnisse deines Kindes.

  • B= Bindung = Geh aktiv in den Bindungsaufbau und den Kontakt zu deinem Kind.

  • K = Klarheit = verschaffe dir Klarheit darüber, was du willst.

 

5 Alltagssituationen, in denen Kinder nicht hören


1) Dein Kind wäscht sich nicht die Hände

Statt: „Was machst du da wieder? Immer habe ich deinetwegen mehr Arbeit und schaffe nichts. Warum machst du das? Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass du das nicht machen sollst.

Lieber:

  1. Stopp!“ (Hände von deinem Kind nehmen, damit es den Fokus auf deine Stimme lenkt)

  2. Ohje, du findest wohl die Wand so dreckig, dass du sie waschen möchtest. Schau, die Seife ist zum Waschen für unsere Hände da. Ich zeige dir, wie das funktioniert.“ (Oder: „Schau, hier im Waschbecken kannst du waschen.“)

Herumschimpfen und Beschimpfen, würde nichts bringen und bei deinem Kind noch mehr Gegendruck erzeugen. Bleibe hier ruhig. 


2) Dein Kind läuft über die Straße

Statt: „Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass die Straße gefährlich ist. Ich will, dass du auf mich wartest, sonst darfst du nicht mehr … fahren.

Lieber:

  1. Stopp!“ (Bei Gefahr im Verzug sofort handeln)

  2. Jetzt haben wir uns beide aber erschrocken. Du hast dich erschrocken, weil ich dich gepackt habe und ich habe mich erschrocken, weil ich dachte, dass du auf die Straße fährst. Mir ist es wichtig, dass du sicher bist. Komm, wir gehen ein Stück zusammen, ich nehme deine Hand und dort vorne, wo… zu sehen ist, kannst du wieder alleine fahren, ok?

Ein Kind kann Gefahren bis zum 7. Lebensjahr nicht richtig einschätzen. Viele Eltern verwechseln das aber mit Grenzen setzen: Doch ein Kind ist kein kleiner Erwachsener, sondern ein Kind. Es handelt aus dem Impuls heraus, und der ist stärker als jede Ermahnung, jeder Ruf und jede vorherige Vereinbarung. 

Deswegen gibt es die elterliche Aufsichtspflicht. Niemand darf von seinen Kindern erwarten, dass sie vor dem 7. Lebensjahr durch lange Erklärungen wirklich verstehen, dass dies oder jenes gefährlich ist.


3) Dein Kind geht nicht ins Bett

Statt: „Komm sofort ins Badezimmer. Sonst bekommst du keine Gute – Nacht Geschichte.

Lieber:

  1. Oh, du spielst gerade mit dem Auto…es ist Zeit, um ins Bett zu gehen. Komm, wir gehen zusammen ins Badezimmer.

  2. Wenn dein Kind protestiert, dann: „Achso, du magst noch spielen. Dann fahren wir mit den Autos ins Badezimmer.“ (Vgl. ABK-Regel)

Drohungen und Strafen schaden eurer Bindung. Jede Drohung und jede Strafe stellt für dein Kind eine emotionale Trennung dar, verursacht tiefe Unsicherheit und Frustration. 


4) Dein Kind hört nicht und du hast einen Termin

Statt: „Wir gehen jetzt… wegen dir komme ich immer zu spät!

Lieber:

  1. „Oh, du hast keine Lust loszugehen… ich verstehe das. Wie schaffen wir das? Ich möchte pünktlich zu meinem Termin kommen, aber du kannst nicht allein zu Hause bleiben. Ich habe eine Idee: Wie wäre es, wenn wir nach dem Termin noch auf deinen Lieblingsspielplatz etc. gehen?

Dein Kind ist nicht für ständige Ortswechsel geschaffen. Proteste sind also ganz normal. Solche Übergänge sind für ein Kind weniger leicht. Wenn es keine andere Möglichkeit gibt als die, dass es mit muss, dann frage es, was es braucht. 


5) Dein Kind ist wild

Statt: „Gib doch endlich mal Ruhe; sei doch endlich mal leise.

Lieber:

  1. Mach mit. Spiele mit und spiegle dieselben Geräusche und Bewegungen.

Wenn ständig das Wild-sein verboten und unterdrückt wird, entsteht bei deinem Kind wieder Gegendruck. Irgendwann explodiert es. Lass dich gelegentlich mitreißen und spiele mit.

Svenja Gleffe – Redaktion Deutsche Lebensbrücke

Svenja schreibt als ausgebildete Pädagogin über kindliche Entwicklung und unterstützt unsere Redaktion mit fundierten Fachtexten. Ihr Motto: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen!“ (Aristoteles)

Co-Autorin: Tamara Niebler, freie Journalistin und seit mehreren Jahren Teil des Redaktionsteams der Deutschen Lebensbrücke.

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