Merkmale einer dysfunktionalen Familie
Ein Leben in Unsicherheit
Was macht eine dysfunktionale Familie aus?
Unsere ersten und wichtigsten Bezugspersonen im Leben sind die Eltern und nächsten Angehörigen: Babys und kleine Kinder können alleine nicht überleben. Das familiäre Gefüge in der Kindheit prägt uns bis ins Erwachsenenalter hinein.
J.W. von Goethe hat es sehr schön ausgedrückt: Wir sollten den Kindern Wurzeln geben, solange sie klein sind und Flügel, wenn sie größer werden.
Idealerweise ist die Familie ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Von diesem geschützten Ort aus können Kinder die Welt angst- und sorgenfrei erkunden.
Die Funktionen der Familie
Eine Familie vereint unterschiedliche Funktionen in sich. Die Fachstelle Kinderschutz 1) hat sie in die folgenden Kategorien eingeteilt:
1. Erziehungs- und Sozialisations-funktion
Um sich gesund entwickeln zu können, lernt das Kind von seinen Eltern. Es reagiert auf Lob und Kritik. Gesunde und sinnvolle Grenzen geben dem Kind Sicherheit, auch im sozialen Umfeld.
Vgl. Grenzen setzen bei Kindern sowie Was ist Erziehung?
2. Psychisch-Emotionale Funktion
Kinder brauchen die Berührung und bedingungslose Anteilnahme ihrer Eltern. So können sie seelisch und geistig wachsen. Zugleich vermittelt die Familie dem Kind eine Identität.
3. Religiöse und Ethische Funktion
Das beinhaltet die Gestaltung von Familienfesten und Familientraditionen, das Einführen in die religiöse Gemeinschaft bzw. in die individuellen Wertvorstellungen.
4. Wirtschaftliche Funktion
Schutz und Fürsorge sichern die Erfüllung von Grundbedürfnissen. Dazu gehört, was ein Kind unmittelbar braucht: Ernährung, Kleidung und Wohnen.
5. Freizeit- und Erholungsfunktion
Gemeinsame Unternehmungen, Ausflüge und Urlaube geben einen Ausgleich zum Alltag und stärken die Familie als Gemeinschaft.
6. Politische Funktion
Die soziale Stellung der Familie beeinflusst auch heute noch die Ausbildung und die spätere gesellschaftliche Position des Kindes.
7. Rechtliche Funktion
Zu den rechtlichen Funktionen zählen das Unterhalts-, Vormundschafts-, Adoptions- und Erbrecht.
In gestörten Familienverhältnissen, in einer dysfunktionalen Familie, sind diese Funktionen nicht ausreichend oder nur teilweise erfüllt.
Leben in einer dysfunktionalen Familie
Dysfunktionale Familie Definition
Das Wort dysfunktional bedeutet, dass Funktionen fehlen oder nicht ausreichend vorhanden sind 2).
Eine dysfunktionale Familie ist demgemäß eine Familie, bei der die Funktion nicht besteht oder nur mangelhaft ist. Stattdessen sind Konflikte, gestörtes, schädigendes Verhalten und oft auch Missbrauch an der Tagesordnung 3). Oft bestehen tiefgreifende Probleme innerhalb der Familie.
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Vgl. auch Entwicklungstrauma – Wenn Kinder ein negatives Selbstbild prägt
Unter einem Entwicklungstrauma leiden viele. Die meisten Erwachsenen wissen jedoch nichts davon, haben aber mit den Folgen ihres kindlichen Entwicklungstraumas zu kämpfen.
Gestörte Familienverhältnisse
In der Psychologie vertritt besonders die systemische Therapie (Familientherapie) den Ansatz, dass Probleme nicht als Eigenschaften einzelner Personen angesehen werden können, sondern als Wechselwirkungen. Der Mensch ist kein unabhängiges Individuum, sondern Teil des größeren Systems - auch innerhalb der Familie.
In dysfunktionalen Familien sind, wie so oft, die Kinder die Leidtragenden: Ihr Wohl ist in besonderem Maße gefährdet.
Wie erkennt man dysfunktionale Familienstrukturen?
Nicht immer sind dysfunktionale Familien auf den ersten Blick erkennbar. Nach außen hin wirkt die Familie oft normal 4).
Auch innerhalb der Familie bleibt die Problematik häufig lange unbemerkt. Kleinere Kinder verstehen nicht, dass bei ihnen zuhause etwas „anders“ ist. Erst im Laufe der Jahre verstehen sie, dass ihr Zuhause nicht so ist wie das anderer Kinder.
Welche Defizite gibt es in dysfunktionalen Familien?
Mangel an Zusammenhalt
Die Familie ist kein „Team“. Weder innerhalb der Familie noch nach außen besteht eine Einheit. Das Kind erlebt Unsicherheit, es fühlt sich allein und im Stich gelassen.
Keine verbindlichen Regeln und Pflichten
Wenn es Regeln und Pflichten gibt, sind sie an die Bedürfnisse und Wünsche der Eltern angepasst, nicht an die des Kindes. Vgl. auch Familienregeln im Alltag + Beispiele
Wenig Struktur oder Grenzen
Die Kinder sind viel zu früh sich selbst überlassen und allein. Sie treffen Entscheidungen, die nicht altersgerecht sind. Dazu zählt auch ein unkontrollierter Medien- und Onlinekonsum. Ein anderes Beispiel sind die Mahlzeiten: Sie werden unregelmäßig und selten gemeinsam eingenommen.
Abhängigkeit und Machtspiele
Wenn ein Familienmitglied mehr Macht ausübt als die anderen, wird die Atmosphäre toxisch. Vielleicht will ein Elternteil schon lange der Beziehung entfliehen, aber kann oder schafft es nicht. Viele sehen sich gezwungen, aus wirtschaftlichen oder emotionalen Gründen zusammenzubleiben.
Ungerecht verteilte Pflichten und Liebe
Während ein Kind der oder die „Gute“ ist, wird das andere ungerechtfertigt bestraft. Das eine wird für seine Leistungen gelobt, während das andere nie gewinnen kann. So sehr es sich auch anstrengt, es bleibt im Schatten.
Das Kind zum Sündenbock machen
In dieser verstärkten Form der ungleichen Verteilung werden dem Kind negative Eigenschaften zugesprochen. In der Extremform kann es zum Ausschluß aus der Familie kommen.
Die negativen Folgen nimmt das Kind mit in das Erwachsenenalter hinein. Tief verwurzelt ist das Wissen, dass an ihm selbst etwas nicht stimmt.
Oft verkörpert ein anderes Kind der Familie das “Gute” und ist das Sonnenkind. Der Sündenbock hingegen verkörpert das “Negative” und “Schlechte”.
Grenzüberschreitung
Mangel an Respekt für die anderen Familienmitglieder sind an der Tagesordnung. Tabus, Rückzugsorte und private Zonen werden nicht respektiert.
Wenig Zeit und „gute“ Aufmerksamkeit für die Kinder
Ein Kind braucht das Gefühl, um seiner selbst geliebt zu werden. Das Gefühl ist hier aber eher an eine Leistung geknüpft. In vielen Familien bekommt das Kind nur eine negative Aufmerksamkeit - beispielsweise, wenn es in der Schule (mal wieder) verhaltensauffällig wird.
Störungen der Impulskontrolle der Eltern
Eltern, die an psychischen Krankheiten leiden, können ihre Gefühle oft nicht angemessen ausdrücken. Vom Übermaß an Impulsivität bis zur Bestrafung durch Schweigen - das Verhalten wird automatisch und unkontrolliert ausgeführt.
Eigenes Aufwerten durch Abwerten des Kindes
Entziehen von Liebe, Ignorieren des Kindes, kein Stärken des kindlichen Selbstbewusstseins: All das kann ein (unbewusstes) Hilfsmittel der Eltern sein, um sich selbst aufzuwerten und das Kind abzuwerten.
Verbale und körperliche Gewalt
Wenn die tägliche Kommunikation unangemessen, beleidigend und respektlos ist, kann es schnell eskalieren. Auch körperliche Gewalt und Missbrauch sind keine Seltenheit.
Ursachen und Hilfe
Dysfunktionale Strukturen werden in vielen Familien über Generationen „weitervererbt“. Nicht aufgelöste, alte Traumata werden immer wieder neu gelebt. Die Folge: Psychische Krankheiten der Eltern - und der Kinder. Ein potentiell unendlicher Kreislauf.
Auch akute, aktuelle Belastungssituationen können zu einer Schieflage führen, die sich immer stärker manifestiert. Dazu zählen wirtschaftliche Notsituationen wie Geldnot und Abhängigkeitsverhältnisse.
Kinder aus dysfunktionalen Familien können sich im Leben schwertun.
Einige schaffen es mit großer Anstrengung, sich selbst zu stabilisieren.
Nicht wenige brechen Schule und Ausbildung ab – und brechen mit ihrer Familie.
Ausblick:
Jedes Kind strebt danach, sich aus dem Schutz der Familie heraus selbst verwirklichen zu können, die Seele zu entfalten.
Das Leben in einer dysfunktionalen Familie kann den Prozess stark einschränken.
Wenn die Bindung zu den nächsten Bezugspersonen nicht ausreichend entwickelt wird, kann es schon früh zu psychischen Störungen führen. Später im Leben können Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Suchtverhalten, Depression, etc. hinzukommen. Vgl. auch Bindungsorientierte Erziehung - Was ist das?
Zudem ist die Gefahr groß, dass die Muster aus der Kindheit unreflektiert übertragen werden. Einige Betroffene meiden später Beziehungen. Andere gehen Beziehungen ein, aber halten emotionalen oder räumlichen Abstand. Viele führen lieblose, aggressive Beziehungen.
Ein wichtiger erster Schritt aus dem dysfunktionalen Strudel ist Selbstreflexion: Ist das andere Familienmitglied wirklich ganz allein schuld? Bin ich selbst immer fair in meinen Einschätzungen und Entscheidungen? Können wir vielleicht mal in Ruhe miteinander reden?
Nicht der Konflikt ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie man damit umgeht. Es ist normal und in Ordnung, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Wichtig ist, dass man sich trotzdem in die Augen schauen und wertschätzen kann 5).
Jede Familie hat es selbst in der Hand, das Ruder rumzureißen und einen neuen Anfang zu machen, der geprägt ist von Liebe und Respekt. Der Familie zuliebe.
Wir alle haben nur eine.
Quellen:
1) Fachstelle Kinderschutz im Land Brandenburg
2) neueswort.de
3) narzissmus.org
4) kita.de
5) Abendzeitung: Interview mit dem Psychologie-Professor Dieter Frey
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