Seelische Probleme bei Kindern – Corona verstärkt Missstände
Corona ist ein Treiber von seelischen Problemen bei Kindern & Jugendlichen, doch nicht die Ursache. Experten warnen dagegen vor anderen Faktoren, welche die Psychische Gesundheit von Kindern gefährden.
Kinder sind besonders vulnerabel
Ist der Lockdown verantwortlich für psychische Probleme bei Kindern?
Corona & die Psychische Gesundheit von Kindern
Die Befunde sprechen eine deutliche Sprache: immer mehr Kinder & Jugendliche leiden unter psychischen Belastungen (1).
Bereits mit Beginn der Corona-Pandemie zeigten sich Experten und Beratungsstellen im Bereich Kinder- und Jugendhilfe mehr als besorgt über die Lage.
Doch nicht Corona ist Schuld daran, dass so viele Heranwachsende mit seelischen Problemen zu kämpfen haben. Die Zahlen stiegen nämlich bereits vor dem Jahr 2020 steil an.
So betitelte die AOK BW bereits 2019 ihre Pressemitteilung mit dem Satz: „Jedes vierte Kind im Südwesten von psychischen Störungen betroffen“ (2).
Mittlerweile gelten seelische Störungen als die häufigsten Erkrankungen bei 14- bis 17-Jährigen.
Psychische Erkrankungen bei Kindern sind ein verbreitetes Problem
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass nicht nur Deutschland mit einer wachsenden Anzahl von psychisch erkrankten Kindern kämpft.
Ganz ähnlich sieht es in vielen anderen Ländern aus. Zum Beispiel in der Schweiz oder in den USA, dort rief die oberste nationale Gesundheitsaufsicht sogar eine Krise der Psychischen Gesundheit von Jugendlichen aus.
„Es gibt mittlerweile zahlreiche Beobachtungsstudien aus Deutschland und anderen Ländern, die zeigen, dass die psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen vor allem während der Lockdown-Phasen zugenommen hat“
In Deutschland belegen Daten der Versicherungen einen besorgniserregenden Anstieg bei Minderjährigen. Nach den Angaben der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), verstärkte die Pandemie einen Trend, der bereits vor vielen Jahren begann (3).
Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich in den letzten 10 Jahren die Zahl an Depressionen bei Kindern und Jugendlichen verdoppelt hat.
Zwischen 2009 und 2019 nahmen aber auch andere psychische Krankheiten, wie Angst- und Essstörungen, zu.
Wie sehr sich die Lage durch die Pandemie verschlimmert hat, zeigte die Copsy-Studie. Und der Kinder- und Jugendtherapeut Julian Schmitz, tätig an der Leipziger Hochschulambulanz, berichtet in der Zeit (7):
„Wir haben in der Kinder- und Jugendtherapie eine so katastrophale Versorgungslage, dass wir auch selbst nicht mehr wissen, wie wir mehr Hilfe ermöglichen sollen. Das ist es, was mich am meisten verzweifeln lässt.“
Was gefährdet die seelische Gesundheit von Kindern & Jugendlichen?
Das psychische Wohlbefinden von Erwachsenen und Kindern ist von einer Vielzahl verschiedenster Faktoren abhängig. Darunter genetische Disposition, neurophysiologische Prozesse, soziale Beziehungen im näheren und weiteren Umfeld und und und. Was dabei so gut wie immer beteiligt ist, aber nur selten erwähnt wird: der gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Kontext.
Nach Paul Plener, Leiter der AKH-Kinder- und Jugendpsychiatrie haben die heutigen Kinder mit viel größeren Herausforderungen zu kämpfen, als es in den vorherigen Generationen der Fall war (5).
Pandemie, Klimakrise, die größere Kluft zwischen Arm und Reich, Pluralismus, Leistungs- und Schönheitsnormen – das alles trage zu einem Mehr an psychischen Krankheiten bei.
Gerade die Digitalisierung wird von Soziologen und Philosophen sehr kritisch beäugt. Insbesondere die Sozialen Medien haben bei Kindern und Jugendlichen den größten Einfluss – sowohl in negativer als auch positiver Hinsicht. Zur negativen Kehrseite der Medaille gehören Phänomene, wie:
stärkerer sozialer Vergleich
Mobbing
Ausgrenzung
Unterminierung des Selbstwertgefühls
Es ist schon verwunderlich, dass ausgerechnet digitale Mittel gegen die negativen Auswirkungen von digitalen Medien helfen sollen. Heute schießen Apps aus dem Boden, die Einsamkeit, Stress, Depressionen, Ängsten etc. entgegen wirken sollen. Insbesondere bei jenen, die bei der überlasteten Versorgungssituation keinen Therapie- oder Beratungsplatz erhalten.
Angst, Schuld- & Ohnmachtsgefühle
Die zahlreichen öffentlichen Diskussionen über Schul- und KITA-Schließungen, Besuchsrechte und soziale Verantwortung gehen nicht spurlos an Kindern & Jugendlichen vorüber.
Kinder galten von Anfang an als Infektionstreiber, die Covid in die Familie einschleppen könnten oder die alten Großeltern anstecken.
Zurück bleibt der Eindruck, Kinder wären gefährlich und unberechenbar in Bezug auf das Infektionsrisiko. Viele betroffene Kinder hätten daraus Schuldgefühle und Angst um Großeltern wie auch Eltern entwickelt.
Im Lockdown hätten aber auch viele eine Essstörung, wie zum Beispiel Magersucht, ausgebildet. Anlass dafür waren die allgegenwärtigen Befürchtungen, der Mangel an Bewegung könnte Übergewicht und Fettsucht hervorrufen. Tatsächlich sei ein beträchtlicher Teil junger Menschen dadurch in eine Essstörung gerutscht.
In 2 Jahren Pandemie haben sich auch Angststörungen vermehrt. Kein Wunder, die lange Ungewissheit, wie sich die Situation weiter entwickelt, sowie die strengen Maßnahmen (Kontaktverbot, Ausgangsbeschränkungen etc.) ließen in vielen Menschen ein Gefühl von Ohnmacht und Fremdbestimmung aufkommen.
Ebenso natürlich bei Kindern & Jugendlichen. Anstatt geregelt und wie gewohnt dem Alltag nachgehen zu können, waren viele sozial isoliert und hatten keine Tagesstruktur. Stattdessen schlugen viele ihre Zeit mit dem Smartphone tot.
Gibt es eine Generation Corona?
In den Medien ist immer wieder von einer Corona-Generation die Rede.
Allerdings ist diese Bezeichnung zunehmend unter Kinder- und Jugendpsychiatern umstritten.
Denn sie suggeriert, dass jedes Mitglied dieser Generation dauerhaft durch Covid-19 geschädigt wäre. Das ist allerdings nicht der Fall und verbreitet eine Vorstellung von Kindern, die per se geschwächter, belasteter und vulnerabler ins Leben starten.
Tatsächlich ist es aber so, dass eine bestimmte Gruppe von Kindern & Jugendlichen mit den Folgen der Corona-Pandemie besonders zu kämpfen hat: und das sind diejenigen, die aus sozial benachteiligten Familien stammen.
Wichtig ist zu verstehen, dass die Corona-Krise nicht die Ursache für psychische Erkrankungen bei Kids & Jugendlichen ist.
Die Pandemie ist lediglich ein Verstärker von vorhandenen Missständen, sie beschleunigt Prozesse, die bereits vor Jahrzehnten begonnen haben.
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Fazit: Seelische Probleme bei Kindern & Corona
Daraus lässt sich schließen: Ein Ausbau der psychiatrischen Versorgung ist notwendig, aber packt das eigentliche Problem nicht an der Wurzel. Wir brauchen mehr als eine Symptombekämpfung.
Wir brauchen Vorbeugung und Aufklärung.
Darüber hinaus sind Digitalisierungsprozesse mitsamt den digitalen Medien eine Ursache des Problems und müssen auch klar als ein Faktor, der psychische Probleme befördert, erkannt werden. Zwingend erforderlich ist es daher in Schulen, die Medien-Kompetenz verstärkt in den Fokus zu rücken.
Prävention für Kinder & Jugendliche nimmt in allen Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit & Gleichberechtigung eine Schlüsselrolle ein.
Kinder sollten bereits im Kindergarten und in der Grundschule über psychische Gesundheit aufgeklärt werden.
Auch bräuchten pädagogische Fachkräfte, wie Erzieher:innen, Lehrer:innen und Kinderpfleger:innen unbedingt Wissen, wie mit seelischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen umzugehen ist.
Einen ersten Schritt zu mehr Wissenskompetenz stellt das Internetportal "Ich bin alles" dar, ein Projekt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Die dortigen Informationen über Depressionen und psychische Gesundheit sind für Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern konzipiert. Schon vor Corona geplant, ging die Seite im Herbst 2021 online und hilft, Versorgungs-Lücken bei Pandemie-geschädigten Jugendlichen zu füllen.
Vgl. auch: Das Bild vom Kind – Was bedeutet Kind-sein?. Weitere Tipps findest du hier: Innere Stärke entwickeln – Tipps: Resilienzstärkung im Alltag und hier Selbstwertgefühl von Kindern stärken
Letztlich liegt es an der Politik, das Thema seelische Gesundheit, Medien-Kompetenz und chancengleiche Entwicklung in Deutschland angemessen zu fördern.
Im Moment liegt der Schwerpunkt auf der Qualifizierung von Kindern für den Arbeitsmarkt. Doch dabei wird völlig übersehen, dass die ganzheitliche Gesundheit hierfür ausschlaggebend ist.
Denn nur Kinder, die psychisch gesund sind, können auch gut lernen.
Quellen:
1) Bundes Psychotherpeuten Kammer (BptK): Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Herausforderung für Sozial- und Bildungspolitik (PDF)
2) AOK Pressemitteilung: Jedes vierte Kind im Südwesten von psychischen Störungen betroffen (2019)
3) Alexander Eydlin: Corona Pandemie – Mehr psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen
4) RKI: Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. In: Journal of Health Monitoring 2020 5(4). DOI 10.25646/7173
5) Irene Brickner und Anna Giulia Fink: Kinder in der Pandemie: Gibt es die Generation Corona?
6) Institut für Generationsforschung: Generation Alpha Studie (2021)
7) Claudia Wüstenhagen: Psychische Gesundheit von Kindern – Interview: "Oft wurde suggeriert, wenn die Schulen offen sind, wird alles gut" (Zeit online 2022)
8) Maria Plötner et al: Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die ambulante psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen (Studie 2022)
9) UKE Hamburg: COPSY-Längsschnittstudie
10) Institut für Politikwissenschaft Universität Bremen: Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Corona-Pandemie (IPW Working Paper 2021)
11) Nils Metzger: Verursacht ein Lockdown psychische Probleme? (ZDFheute 2022)