Warum Kinder laut sein müssen
Schrecklich, wie laut manche Kinder sind. Die wurden doch alle nicht erzogen … Oder genau richtig begleitet? Viele Erwachsene empfinden den „Lärm“ eines Kindes nicht nur als Signal für eine ungenügende Erziehung, sondern fühlen sich davon regelrecht belästigt.
Lautsein ist eine kindliche Ausdrucksform
Ein schreiendes Baby kommt auf 120 Dezibel, ein startender Düsenjet auf 130 Dezibel. Mit dem Unterschied, dass die Natur den Schrei eines Babys so eingerichtet hat. Den Düsenjäger weniger.
Warum also sind so viele Menschen von einem Düsenjäger beeindruckt und hinterfragen die Lautstärke nicht, jedoch ist das Schreien eines Babys störend, grenzt an Belästigung und wahrscheinlich stimmt mit dem Baby und/oder den Eltern etwas nicht?
Die Natur hat sich etwas dabei gedacht, dass wir Menschen fähig sind, unsere Stimme auf eine derartige Lautstärke anzuheben. Unsere Stimme, ist ein Instrument. Ein Sänger/eine Sängerin nutzt seine/ihre Stimme, als Ausdrucksform. Ebenso tut es ein Baby.
Ein Baby hat noch keinen Wortschatz, um sagen zu können, dass es ein Problem hat oder etwas Bestimmtes braucht. Daher macht es durch Schreie auf sich aufmerksam.
Jedoch unterscheiden sich die Schreie eines Babys voneinander. Jeder Schrei klingt verschieden und bedeutet ebenso etwas anderes. Das klingt noch verständlich? Doch warum schreit ein Kind auch dann, wenn es bereits einen entsprechenden Wortschatz besitzt?
Die Stimme als Instrument
Ein Kind experimentiert mit seiner Stimme und seiner Sprache. Es ist ein Entdecker. Es beobachtet, wie unterschiedliche Menschen, in unterschiedlichen Situationen, auf Lautstärke und Wörter reagieren.
So lernt ein Kind, sich in der Gesellschaft zu bewegen, findet heraus, was richtig und was falsch ist, wann welche Lautstärke angebracht ist und dass ihm verschiedene Lautstärken zur Verfügung stehen, um sich auszudrücken.
Laut sein, ist ein Zeichen dafür, dass ein Kind sich selbst kennenlernt und seine Persönlichkeit ausbildet.
Ein Kind, das immer leise sein soll, damit sich die Nachbarn nicht belästigt oder ein Elternteil nicht gestört fühlt, lebt wie in einem Gefängnis. Laut zu sein, gehört zum freien Spiel dazu. Ein Kind, das immer aufpassen muss, nicht zu laut zu sein, ist nicht frei.
Leise Spiel-Alternativen – 5 Tipps
„Geräuschdämpfende“ Spielzeuge
Das freie Spiel ist die Grundlage dafür, dass ein Kind die Welt mit allen Sinnen entdecken kann. Die Lautstärke eines Kindes, während des Spiels, wird auch von der Lautstärke des Spielzeugs beeinflusst. Es braucht keine Fahrzeuge mit der Lautstärke einer Sirene, die dem Original gleicht.
Auch das „Hightech – Reality – like“ – Handy, mit Fotofunktion und 30 Klingeltönen in unterschiedlichen Sprachen, muss nicht sein.
Spielzeuge, wie Puppen, Puzzle, Kuscheltiere, Autos und Bauklötze, sowie Bilderbücher, reichen vollkommen aus.
Ein Kind muss nicht konstant beschallt werden. Das führt nur zur Reizüberflutung. Ein Kind liebt es, selbst die Sirene eines Feuerwehrautos nachzuahmen, Puppen zu sprechen und sich vorzustellen, dass die Kuscheltiere mit ihm sprechen.
Für Ballspiele, können Softbälle verwendet und Fahrzeuge können mit Gummireifen ausgestattet werden.
Auszeit von Situationen
Natürlich gibt es Situationen, die Rücksichtnahme und Stille erfordern, wie z. B. den Besuch in einer Kirche, ein Theaterstück etc.
Ist es deinem Kind nicht möglich, sich an die Stille in dem Moment zu gewöhnen, verlasse mit ihm die Situation.
Auf nach draußen
Kinder benötigen frische Luft, Natur und Weite, um sich entfalten zu können. Mehrmals in der Woche, je nach Bewegungsdrang und Aktivität, einfach etwas Spielzeug und Proviant einpacken und auf ins Abenteuer.
Das Kind in dir, will auch noch spielen
Viele Erwachsene denken, sie verlieren die Autorität ihrem Kind gegenüber, wenn sie einfach mal mitspielen und mitblödeln. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.
Mehr erfahren » Autoritätsprobleme bei Kindern
Die Vertrauensbasis, das Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl bei deinem Kind steigen, sobald du auch wieder zum Kind wirst und dich an deinen Entdeckergeist und deine Unbeschwertheit erinnerst. Zusätzlich tust du deiner mentalen Gesundheit und deinem Nervensystem etwas Gutes, da es beim Quatsch-machen und unbeschwertem Spaßhaben und negativem Stress loslassen kann. Da du Abstand zu alltäglichen Problemen gewinnst, kann dein Gehirn umso lösungsorientierter denken und die Lebensfreude steigt.
Also, einfach mal die Musik aufdrehen und abtanzen.
Wirkt wunderbar befreiend.
Weniger ist mehr!
Ist dein Kind noch jung, kann es sich weniger Regeln merken. Die kognitive Entwicklung, ist noch gar nicht so weit ausgebildet.
Mehr erfahren » Familienregeln im Alltag
Zu viele Regeln, schränken zudem mehr ein, als dass sie Orientierung bieten. Stelle daher gern 3 wichtige Regeln auf (Beispiel):
Wir reden leise, wenn wir durch den Hausflur gehen.
Bis der große Zeiger auf XY steht,
nehmen wir uns eine leise Beschäftigung vor.
(Hier kannst du auch gut zeitbegrenzte Sanduhren einsetzen.)
Laut = Laut?
Das sagt das Gesetz
Um auf „Nummer sicher“ zu gehen, dass es keine rechtlichen Konsequenzen gibt, wenn dein Kind laut sein darf, schauen wir uns einmal an, was das Gesetz dazu sagt.
Kinderlachen und das sorglose, freie Spiel sind ein Kinderrecht. Auch, wenn es Menschen gibt, die anderer Meinung sind. Es gibt sowohl die Kinderrechte der UN-Kinderrechtskonvention als auch Gerichtsbeschlüsse, die akzeptiert werden müssen.
Der „Kinderlärm“ ist eine Ausdrucksform der kindlichen Entwicklung und ist vonnöten für die freie Entfaltung des Kindes. Das beschloss bereits das Bundesverfassungsgericht im Jahr 1982.
Auch das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) besagt, dass der „Kinderlärm“ zumutbar und „sozialadäquat“ ist. Dieses Gesetz greift so lange, wie der zumutbare „Lärm“ nicht in extreme Lärmbelästigung umschlägt und andauert. Das wäre z. B. nachts der Fall, wenn es zu einer anhaltenden, starken Lautstärke kommt.
Besonders nach 22 Uhr.
Ab da, tritt das Gesetz der Nachtruhe in Kraft.
Quellen:
1) Familienleben CH: Laut sein gehört zur gesunden Entwicklung von Kindern
2) Kinder Berlin: Kinderlärm – ab wann ist es Ruhestörung?
3) Juraforum Lexikon: Kinderlärm

