Generation Lastenrad. Oder warum ich in der Erziehung nie alles richtig machen kann
Heute habe ich sie wieder gesehen. Die Mutter, geschätzt Mitte 30, strampelte sich mit hochrotem Kopf unter dem Helm – es ist frühlingshaft warm, und sie fuhr der Sonne entgegen – auf dem Lastenrad ab.
Im Container, Kasten oder wie immer dieser Behälter aus Metall und Kunststoff heißen mag, den sie im Schweiße ihres Angesichts vor sich herfährt, saß ein Mädchen, vermutlich die Tochter.
Mindestens 10, ihrer Position mit hochgezogenen Knien und angewinkelten Ellenbogen in der Frachtkabine (ich habe das Wort gerade nachgeschaut) nach zu urteilen. Ohne Helm, der würde die blonde Lockenmähne plätten, aber mit Kopfhörern.
Ohne Behinderung, wie ich weiß. Mit dem Handy in beiden Händen, eifrig mitsingend und rhythmisch nickend.
Ich weiß, ich sollte nicht urteilen und schon gar nicht beurteilen, was ich nur vom Sehen her kenne.
Also ohne Background Informationen.
Aber ich kann nicht anders. Ich finde das schlimm. Schrecklich. Eigentlich sogar skandalös. Warum, frage ich mich, fährt eine erwachsene Frau ihre an der Schwelle zum Teenager stehende – okay, in diesem Fall sitzende – Tochter im Fahrrad durch die Gegend?
Ach, was ich zu erwähnen vergaß: Auf dem Rücken trug die Mutter den Schulrucksack. Der passte offensichtlich nicht mehr in die durch das Mädchen komplett ausgefüllte Frachtkabine.
What? Nein, das finde ich nicht „ok“.
Und jetzt steinigt mich ruhig. Aber ich sehe inzwischen täglich so viel cringes Elternverhalten, dass ich das jetzt loswerden muss. Ein Kind, das altersentsprechend in der Lage ist und keinerlei Einschränkungen hat, selbst mit dem Rad zu fahren, stattdessen im (E)-Lastenrad zu kutschieren, ist ein No-Go. Und dass man dann als Eltern Zeit spart, ist absolut kein Argument. Oder?
Ich wohne praktisch direkt neben einer Schule
Vorstadt, Einfamilienhäuser, zur Straße hin gepflegte Vorgärten, hinten Pool und Trampolin. Ich bin Frühaufsteherin, anders könnte ich hier nicht überleben.
Denn ab halb acht wird unsere verkehrsberuhigte Straße zu einem reißenden Strom. SUVs und Lastenräder blockieren alle Zufahrten, Einfahrten und Gehwege. Zufällig zur Unzeit hier entlanglaufende Menschen, Senioren mit Rollator, Mütter mit Kinderwagen oder Hunderunden-Gänger, werden gnadenlos auf die Fahrbahn verbannt und haben Glück, wenn sie nicht von einem startenden SUV überrollt werden, nachdem dieser seine kindliche Fracht in den Pausenhof entleert hat.
Von vereinzelten, alleine, vielleicht sogar mit ihrem eigenen Roller – oder Scooter – in die Schule kommenden Kindern ganz zu schweigen. Die werden noch leichter übersehen, ragen sie doch kaum bis ins Sichtfeld eines Familienpanzers (das heißt wirklich so, auch in der Werbung!). Selbst schuld, wenn die unverantwortlichen Eltern ihre Kinder nicht begleiten. Oder?
Das sind bestimmt Rabeneltern.
Oder U-Boot-Eltern. Oder …?
Von Raben, Delfinen und Tigern
Typen im Überblick – Das Eltern-ABC
Es gibt tatsächlich so etwas wie ein ABC der Elterntypen. Helikopter-Dad und Raben-Mutter sind wohl allen bekannt. Aber zwischen A und R tummeln sich ganz viele Typisierungen.
Und auch, wenn sie augenzwinkernd gemeint sind – in ihrer realen Ausprägung können sie Kindern auf dem Weg ins Erwachsenenleben richtig schaden. Manche sind trotzdem ganz klar.
Abschlepp-Eltern
übernehmen einfach alles für ihr Kind. Auch, wenn es einen Fehler gemacht hat. Sie bügeln immer alles glatt. So lernen Kids nie, Verantwortung zu übernehmen und zum eigenen Verhalten zu stehen. Ganz klar 👇🏼.
Delfin-Eltern
erziehen ihr Kind sanft und mit viel Freiraum, aber mit klaren Regeln, über die sie mit ihm sprechen. Hm. Klingt erst mal nach 👆🏼.
Flugzeug-Eltern
kreisen nicht wie Helikopter- Eltern um ihr Kind, sondern versuchen, alle Interessen und Bedürfnisse in der Familie zu beachten: 👆🏼
Gießkannen-Eltern
übertreiben es mit der Anerkennung und loben ihre Kinder oft auch ohne einen Grund. Das kann erst zu Selbstüberschätzung und dann zu Minderwertigkeitsgefühlen führen, wenn die Kids merken: Ich bin gar nicht immer am besten und tollsten. Deshalb 👇🏼.
Helikopter-Eltern
kennen wir. Die kreisen praktisch immer über ihrem Kind und überwachen, sorry, „beschützen“ es auf Schritt und Tritt. 👇🏼!
Quallen-Eltern
beachten immer die Wünsche ihrer Kinder. Auch, wenn es um ausgemachte Termine geht, wie Fußball-, oder Tanztraining oder Zahnarzt, bleiben sie „beweglich“. Das Kind lernt: „Ich mache nur, wozu ich heute Bock hab.“ Also je nachdem mal 👆🏼 oder so 👇🏼.
Rasenmäher-Eltern
sind Helikopter-Eltern 2.0. Sie wachen nicht nur über ihren Kindern, sie greifen auch mal ein, damit immer alles bestens läuft, und räumen alle Hindernisse aus dem Weg. Zum Beispiel, indem sie die Hausaufgaben gleich selbst erledigen. So wird das nix mit der Selbstständigkeit. 👇🏼
Raben-Eltern
Sie sind das genaue Gegenteil. Sie werfen ihre Kids aus dem Nest, bevor sie flügge sind. D. h., sie kümmern sich einfach überhaupt nicht um sie und ihre Bedürfnisse.
Aber: Heute gelten Eltern, die ihr Kind nicht auf Schritt und Tritt überwachen und z. B. alleine den sicheren Schulweg gehen lassen, schnell als Raben-Eltern – ohne es zu sein.
Taxi-Eltern
sind Helikopter-Eltern, die für ihre Kinder ein privates Taxiunternehmen führen. Sie fahren sie immer und überall hin.
Tiger-Eltern
Der Begriff stammt von Amy Chua aus ihrem Buch, in dem sie sich als Tiger-Mum beschreibt, die ihr Kind mit Disziplin zum Erfolg drillt. Sie selbst findet das 👆🏼.
U-Boot-Eltern
sich in Kita und Schule selten blicken lassen und nur auftauchen, wenn ihrem Kind etwas Negatives droht. Dann sind sie aber gleich mit ganz schwerem Geschütz zur Stelle. Hm, eher 👇🏼.
Zeppelin-Eltern
wie Helikopter-Eltern, sie schweben nur weiter oben. Nur, wenn etwas passiert, das ihnen gegen den Strich geht, gehen sie sprichwörtlich in die Luft. 👇🏼
Und zu welchem Elterntyp zählst du? Ich war eine Mischung aus Tiger- und Delfin-Mama. Mein Sohn ist im Großen und Ganzen mit seiner Erziehung zufrieden, sagt er. Aber Kinder will er später mal keine, hihi.
Im Ernst jetzt: Social Media haben nicht nur unser Leben, sondern auch das unserer Kids durcheinandergewirbelt und beeinflussen auch unseren Erziehungsstil. Kein Wunder, auf TikTok, X, Insta & Co. sagen uns Super-Eltern ständig, wie gute Erziehung geht.
So nach dem Motto „Wenn ich das bei meinem ersten Kind gewusst hätte“. Und dann zeigen sie dir, wie sie in gesunden Biojoghurt jede Menge Zucker, Gummibärchen und Schokoraspeln schütten und das Ganze dann in Plastikförmchen einfrieren.
Kennt ihr, ne?
Das Gutes-Beispiel-Chaos
Was ich sagen will: Es wird für Eltern irgendwie immer schwerer, eine eigene Erziehungslinie zu finden und nicht im Slalom zwischen Großeltern, Pädagogen und Influencern hin und her zu schlittern. Deshalb gebe ich euch jetzt hier den absolut ultimativen Rat.
Einen, den ihr schon beim ersten Kind hättet befolgen müssen. Hahaha.
Schau auf dein Kind. Schau auf dich.
Versuche nicht, es ganz anders zu machen als deine Eltern. Oder ganz genauso. Kopier nicht „einfach“, was Pädagog*innen, selbst ernannte Kinderpsycholog*innen und Influencer*innen vormachen. Sogar die Besties haben vielleicht nicht den Stil, der 1:1 euch passt. Vielleicht verrennst oder verrenkst du dich und verkennst, wie dein Kind wirklich ist. Und was du wirklich kannst und magst. Denn eigentlich spürst du sehr gut, was wann richtig und wichtig ist.
Du fühlst es.
Und du siehst es an deinem Kind. Flügeln und Wurzeln sind alles, was ein kleiner, junger Mensch von den Eltern braucht, soll Goethe angeblich sinngemäß gesagt haben. Und der war weise, wenn auch nicht in der eigenen Kindererziehung. Aber in der Theorie. Wer auch immer den Spruch geprägt hat hat Recht.
Du formst dein Kind nicht. Du begleitest es.
Im besten Fall wird es zu einem Menschen, der nicht nur sich sieht, sondern auch die anderen. Für den Erfolg nicht unwichtig, aber auch nicht das Maß aller Dinge.
Sondern glücklich sein. Und glücklich machen.
Hey – ist doch eigentlich total einfach.
Viel Spaß dabei wünscht eure MaJa.

