Toxische Eltern

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Wenn die Eltern nicht gut tun

Toxische Eltern prägen ihre Kinder fürs Leben. Was zeichnet toxische Eltern aus? Und wie können betroffene Kinder damit umgehen?

„Toxisch“ ist fast schon ein Modewort. Dementsprechend viele „Lösungsansätze“ gibt es: Ratgeber und Lebenshilfen bieten Tipps zum Umgang mit „schwierigen“ Menschen.

Meist sind komplizierte partnerschaftliche Beziehungen gemeint. Manchmal das soziale Umfeld. Aber: Nicht nur partnerschaftliche und soziale Beziehungen sind mitunter schwierig. Auch die eigenen Eltern können toxisch sein.

Viele Menschen leiden noch als Erwachsene unter den negativen Auswirkungen ihrer Kindheit.

Eine Kindheit mit toxischen Eltern

Was sind toxische Eltern?

Eigentlich ist Toxizität eine Stoffeigenschaft. Die schädigende Wirkung ist definiert als abhängig von Giftigkeit, Dauer und Dosis der Exposition .

Bezogen auf menschliche Beziehungen heißt das: Je häufiger der Kontakt und je enger die Beziehung, desto stärker ist die schädliche Auswirkung auf die Psyche.

Unsere erste, engste und langjährige Beziehung ist die zu unseren Eltern. Sie sind unsere wichtigsten Wegbegleiter. Sie beeinflussen uns maßgeblich. Im Guten wie im Schlechten.

Die meisten Kinder pflegen eine liebevolle Beziehung zu ihren Eltern. Einige Kinder haben weniger Glück: Sie fühlen sich zuhause weder sicher noch geschützt.

Kinder sind die Leidtragenden

Der Begriff „Toxische Eltern“ ist nicht klar definiert. Es ist auch kein medizinischer Begriff. Alle typischen Beschreibungen haben aber einen ähnlichen Tenor: Toxische Eltern schwächen ihre Kinder mehr, als sie sie stärken.

Ob Kind oder Erwachsene*r: Niemand möchte sich in seinem sozialen und familiären Umfeld unwohl fühlen. Manchmal merkt man sofort: jemand oder etwas tut nicht gut. Manchmal dauert es.

Auch etwas, das anfangs gut war, kann plötzlich schwierig sein. Menschen verändern sich. Die eigenen Bedürfnisse wechseln. Plötzlich wirkt der Partner oder andere Menschen im näheren Umfeld fremd.

Der Unterschied für Erwachsene ist: Sie können den Kontakt zu toxischen Menschen meistens abbrechen oder zumindest einschränken.

Für Kinder mit toxischen Eltern ist es schwierig. Sie sind ihren Eltern hilflos ausgeliefert. Sie können sie nicht vermeiden. Sie verbringen jeden Tag mit ihnen.

Toxische Eltern sind schwer zu erkennen

Jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung. Was die eine als toxisch wahrnimmt, mag der andere als normal empfinden.

Außerdem sieht man Menschen schädigende Verhaltensweisen oft nicht an. Es gibt aber Hinweise: Toxische Eltern interessieren sich eher für ihre eigenen Bedürfnisse. Die ihres Kindes sind zweitrangig.

Sie denken kaum darüber nach, ob sie ihrem Kind damit schaden. Meistens geben sie ihre Fehler nicht zu. Sie entschuldigen sich nicht bei ihrem Kind.  

Kinder entwickeln Schutzstrategien

Diese Kinder sind schutzlos und überfordert. Sie lieben beide Elternteile. Deshalb entwickeln sie Schutzstrategien, um zu „überleben“.

Die einen versuchen, Frieden herzustellen. Sie wollen es Papa und Mama recht machen. Sie sind das überaus brave Kind. Andere ziehen sich zurück. Einige rebellieren. Sie werden in der Schule und zuhause verhaltensauffällig.

 

Entwicklungstrauma – Wenn Kinder ein negatives Selbstbild prägt

Unter einem Entwicklungstrauma leiden viele. Die meisten Erwachsenen wissen jedoch nichts davon, haben aber mit den Folgen ihres kindlichen Entwicklungstraumas zu kämpfen.

 

Das Verhalten toxischer Eltern

Toxisches Verhalten kann sich in vielen Formen zeigen. Eines haben sie gemeinsam: Sie haben potentiell fatale Auswirkungen auf die kindliche Psyche.

Die häufigsten Fehlverhaltensweisen toxischer Eltern

Das Kind darf nicht unabhängig werden

Die Eltern behüten das Kind ständig. Sie überwachen und kontrollieren jeden Schritt. So schränken sie die Privatsphäre des Kindes massiv ein. Die Folge: Das Kind kann kein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Es hat einen geringen Selbstwert.

Vgl. Selbstbewusstsein bei Kindern stärken und Selbstwertgefühl von Kindern stärken

Die Eltern haben wenig Verständnis und hören nicht zu

Auch Kinder haben Sorgen und Nöte. Beispielsweise, wenn sie in der Schule gehänselt werden. Oder wenn sie sich wünschen, nicht mehr Geige spielen zu müssen.

Die betroffenen Kinder erfahren kein Verständnis. Sie merken früh, dass ihre Kinderproblematiken wenig zählen. Ihre Wünsche und Ideen werden nicht beachtet.

Die Eltern üben überzogene Kontrolle aus

Besonders ältere Kinder werden mit Schuldgefühlen und Geld manipuliert. Das Ziel ist: Tun, was die Eltern wollen.

Ob es im Sorgerechtsstreit mit dem anderen Elternteil ist. Oder wenn der Freundeskreis des Kindes “falsch” ist. Alles von Ansichten bis Anziehsachen soll den Eltern gefallen.

Die Eltern drehen sich nur um sich

Das Leben mit beispielsweise einem narzisstischen Elternteil ist für Kinder schwierig. Ähnlich ist es mit Eltern, die unter Suchtproblemen oder Depressionen leiden. Sie haben oft wenig Energie und Kapazität für ihre Kinder. Für viele wird das Kind zum Partnerersatz.

Die Eltern setzen zu wenige Grenzen

Es mangelt an sinnvollen und klaren Regeln. Das Kind erlebt wenig Unterstützung, Sicherheit und Struktur. Es gibt beispielsweise keine Uhrzeit, wann das Kind nach Hause kommen muss. Es gibt keine festen und gemeinsamen Essenszeiten.

Die Eltern setzen zu viele Grenzen

Ebenso schwierig ist ein zu viel an Grenzen. Auch dann kann sich das Kind nicht altersgemäß entfalten.

Vielleicht darf das Kind weniger ausgehen als andere Kinder. Oder es muss jeden Tag lernen. Auch, wenn die Noten gut genug sind.

Viele Kinder müssen auch während der Schulferien stundenlang büffeln. Ihnen fehlt eine kindgerechte Entspannung, Spiel und Spaß. Vgl. auch Grenzen setzen bei Kindern

Das Kind soll in die elterlichen Fußstapfen treten

Oft stammt das Kind aus einer langen Generation erfolgreicher Akademiker. Für die Eltern leitet sich daraus eine Verpflichtung ab: Das Kind soll den gleichen Karriereweg einschlagen.

Gerade in bessergestellten Familien gilt deshalb oft: Das Kind muss studieren. Am besten Jura oder Medizin. Ob mit Klasse wiederholen, Nachhilfe, der Weg ist das Ziel.

Es soll bekommen, was die Eltern nicht hatten

Das Kind soll die nicht gelebten Träume der Eltern leben. Eigentlich klingt das ganz gut gemeint. Für das Kind kann es aber Druck bedeuten.

Unbeirrbar in ihrer Meinung fragen sich viele Eltern nicht: Will mein Kind das eigentlich? Muss es später studieren, auch wenn es handwerklich mehr Interessen hat? Auch wenn es sich im Gymnasium quälen würde?

Das Kind übernimmt zu viel Verantwortung

Viele Eltern überfordern ihr Kind ständig: Sie rauben ihm emotionale und körperliche Energie. So stark ist ihr Wunsch nach sicherer Liebe und Aufmerksamkeit durch das Kind.

Besonders Menschen mit narzisstischen Zügen benötigen ständige Aufmerksamkeit. Sie machen auch vor ihrem Kind nicht Halt.

Kein Kind sollte Verantwortung für die Eltern übernehmen. Viele werden aber in diese Rolle hineingedrängt.

Das Kind zwischen den elterlichen Fronten

Fronten ist ein militärischer Begriff. Leider spielt sich gerade nach Trennungen zuhause oft ein „Kleinkrieg“ ab: Beide Elternteile bilden harte, unüberwindbare Fronten. Sie ziehen plötzlich neue Grenzen.

Der Partner wird zum Feindbild. Das Kind will Papa und Mama gleichermaßen lieben. Es wird aber plötzlich gezwungen, Partei zu ergreifen.

Das Kind übernimmt die Rolle des Partners

Viele Eltern teilen unangemessene Informationen mit ihrem Kind. Sie involvieren es in Dinge, die das Kind nichts angehen sollten.

Alleinerziehende Elternteile schreiben ihrem Kind oft (unbewusst) eine Partnerrolle zu. Auch Elternteile in instabilen Beziehungen können das Kind zum „Partner“ machen.

Die Eltern streiten sich

Ein gewisses Maß an Streiten ist gesund. Wenn es konstruktiv abläuft und mit einer Lösung abgeschlossen wird.

Dann lernt das Kind für das spätere (Beziehungs-) Leben: Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Jedes Familienmitglied versucht, die eigenen Wünsche zu verwirklichen.

Anders ist es, wenn die Eltern ständig streiten. Oft geht es um immer die gleichen Dinge. Die Meinungsunstimmigkeiten zermürben das Kind. Es fühlt sich zuhause nicht sicher. Die kindliche Seele kommt nie zur Ruhe.

Oft versucht das Kind, zwischen den Eltern zu vermitteln – oder es entflieht, so oft es kann.

Für sozial schwache Kinder ist elterlicher Streit noch belastender: Sie haben oft kein eigenes Zimmer. Sie können keine Zimmertür hinter sich schließen.

Tauziehen um die kindliche Zuneigung

Manchmal sehen die Eltern keinen Ausweg mehr. Sie entscheiden sich für die Trennung.

Gefühle und Emotionen sind damit aber nicht plötzlich ausgelöscht. Die eskalierenden Gefühle zeigen sich auf anderer Ebene: Im Kampf um Unterhalt, künftigen Wohnort des Kindes, bis hin zum Wettbewerb, an wem das Kind denn nun mehr „hängt.

Viele Ehen enden mit einem erbitterten Streit vor Gericht. Dem Ausmaß sind keine Grenzen gesetzt. Der Partner wird zum massivsten Feindbild. Mit dramatischen bis skurrilen Folgen.

Nicht selten muss das Kind sich beispielsweise umziehen, sobald es den Vater besucht. Es darf bei ihm keine von der Mutter gekauften Anziehsachen tragen. Wenn es zurück zur Mutter fährt, muss das Kind sich wieder umziehen: Die vom Vater gekauften Anziehsachen müssen dableiben. Das Kind muss die Eltern immer wieder „abstreifen“.

Der Umgang mit toxischen Eltern

Kinder spüren früh, wenn „etwas nicht stimmt“. Sie haben feine Sensoren für Streit, Impulsivität und Ungerechtigkeit. Nichtsdestotrotz haben sie gerade in jungen Jahren wenig Vergleichsmöglichkeit. Sie lieben und braucnen ihre Eltern. Egal, was passiert.

 Kinder haben Rechte

Ein älteres Kind kann sich eher für seine „Rechte“ einsetzen. Oft traut es sich aber nicht. Oder es sucht die Schuld bei sich selbst. Nahestehende Vertrauenspersonen können helfen: Sie können dem Kind zuhören. Sie können gemeinsam mit den Eltern nach Lösungen suchen.

Kommunikation

Miteinander reden sollte der erste Schritt sein. Größere Kinder nehmen bewusster wahr, wenn sie schlecht behandelt werden. Sie können versuchen, ihre Sichtweise zu erklären.

In vielen Fällen schluckt das Kind seinen Ärger, die Wut und die Trauer immer runter. Es zieht sich in sich zurück. Dann wird den Eltern das Ausmaß nicht bewusst.

In schwierigen Fällen könnten die Eltern sich zu einer Familienberatung oder Psychotherapie entschließen.

Kompromiss suchen

Wenn die Eltern zuhören, lässt sich im zweiten Schritt vielleicht eine Lösung finden. Das Kind könnte dann langsam mehr Sicherheit erfahren.

Beispielsweise könnte eine narzisstische Mutter verstärkt auf ihre Wortwahl achten. So würde sie das Kind zumindest verbal weniger abwerten.

Vielleicht lässt sich der besorgte Vater darauf ein, dem Kind altersgemäße Freiheiten einzuräumen.

Grenzen setzen

Kinder haben Rechte. Auch wenn sie leider noch immer nicht im Grundgesetz verankert sind: Ein Kind darf Nein sagen. Es darf den Eltern Einhalt gebieten.

Ob es psychische oder physische Gewalt ist: Ein Nein sorgt für Grenzen.

Wenn nötig, kann das Kind sich in seinem sozialen Umfeld anvertrauen. Die Telefonseelsorge bietet immer ein offenes Ohr.

Konsequenzen ziehen

Wenn die Eltern kein Verständnis zeigen, bleibt nur der Selbstschutz. Oft sehen die Eltern nicht, wie schädigend ihr Verhalten ist. Dann bleibt nur, die Beziehung einzuschränken oder völlig abzubrechen.

Im Extremfall müsste das Jugendamt intervenieren. Das Kind könnte zum anderen Elternteil oder zu nahen Verwandten ziehen.

Wie können Eltern ihr toxisches Verhalten erkennen?

Die Besonderheit von Kindern ist ihre Unbeschwertheit, ihre Fähigkeit zu Fantasie und Kreativität. Die kindliche Unschuld kann lange bewahrt werden. Wenn das Kind nicht mit Problemen und Anforderungen überschüttet wird.

Jede*r kann sich selbst kritisch hinterfragen: Ist mein Kind vielleicht manchmal emotional überfordert?

Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Eltern sind nicht perfekt. Niemand ist perfekt. Das ist auch nicht das Ziel. Aber einfach mal zuhören, genau hinsehen. Das kann dem Kind viel bedeuten.

Miteinander reden kann der halbe Weg zur Problemlösung sein. Gemeinsam kann man kleine Schritte gehen. Jede Veränderung hat einen Anfang.

Wichtig ist, dass Eltern sich bewusst machen: Ungesunde Verhaltensmuster prägen sich ein. Sie prägen das Kind für das ganze Leben.

Ausblick und Fazit

Egal, wie alt wir sind: Wir freuen uns, wenn unsere Eltern uns positiv zugewandt sind. Wir leiden darunter, wenn die Beziehung zu ihnen schlecht ist.

Als Kind haben wir keine Wahlmöglichkeiten. Als Erwachsene schon. Wir müssen nicht mehr tun, was die Eltern von uns erwarten. Wir müssen, sollen (und können) unsere Eltern nicht retten.

Nichtsdestotrotz haben viele Erwachsene kein gesundes Verhältnis zu ihren Eltern. Manche halten zu wenig Abstand. Sie übernehmen (weiterhin) zu viel Verantwortung für ihre Eltern. Andere halten zu viel Abstand.

Manchmal verbessern sich Eltern-Kind-Beziehungen, wenn die Kinder erwachsen sind. Enkelkinder können eine neue Brücke schlagen.

In jedem Fall ist es wichtig, zu erkennen: Viele schädigende oder traumatisierende Erfahrungen, die man als Kind als normal angesehen hat, waren nicht normal. 

Wer die kindliche Verletzung verzeiht, kann heilen. Es kann überwältigend sein, aber auch eine große Chance, etwas zu verändern.

Auch Eltern sind nur Menschen. Sie haben es so gut gemacht, wie ihnen möglich war. Dysfunktionale Familien sind leider nicht selten.

Der Weg mag steinig sein. Aber wer die Vergangenheit aufarbeitet, kann in sich glücklich werden. Hinzu kommt die große Chance, bei den eigenen Kindern nicht die gleichen Fehler zu machen.

Kinder von toxischen Eltern haben oft nicht gelernt, auf sich selbst zu schauen. Als Erwachsene können sie es nachholen. Wenn nötig mit psychotherapeutischer Unterstützung.

Am Ende steht das Ziel, der Mensch zu sein, der man ist und der man vor allem gerne ist.   

Vgl. auch: Kind hat keine Freunde im Kindergarten – Ursachen & Tipps


Quellen:

1) Wikipedia: Toxizität 

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Ariane Faralis

Ariane ist studierte Soziologin & hat eine eigene private psychotherapeutische Praxis. Sie verstärkt unsere Online-Redaktion mit fundierten Fachtexten und wertvollem Content. Ariane’s Motto: ”Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit” (Erich Kästner)

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