Ernährungserziehung - was ist das und was bringt das?

Ernährungserziehung umfasst alle Maßnahmen, mit denen Kinder und Jugendliche schrittweise lernen, sich gesund, selbstständig und verantwortungsbewusst zu ernähren. Sie beginnt bereits im Elternhaus und wird in Kindertagesstätten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen fortgeführt.

 
Kochtopf mit rot-oranger Suppe als Symbol für Ernährungserziehung

„Nein, ich esse meine Suppe nicht. Meine Suppe ess‘ ich nicht!“

Dieser legendäre Ausspruch steht in der „Geschichte vom Suppen-Kaspar“ [1] aus dem Kinderbuch-Klassiker „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1845. 

Früher ein echter Erziehungs-Ratgeber, wird er heute – hoffentlich – nur noch als historisches Beispiel für schwarze Pädagogik genannt.

Allerdings ist das Wort „Suppenkasper“ immer noch im Umlauf. Mit dem Kaspar aus dem Struwwelpeter nahm es übrigens ein böses Ende …

 

Sinnvolle Ernährungserziehung beginnt bei den Eltern

Ernährungserziehung bedeutet, Kinder und Jugendliche Schritt für Schritt beizubringen, sich gesund, selbstständig und verantwortungsbewusst zu ernähren. Idealerweise beginnt sie im Elternhaus und wird in Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen weitergeführt.

Ziel ist nicht, strenge Essensregeln aufzustellen, sondern Kompetenzen zu vermitteln, die ein Leben lang Bestand haben.

Warum? Ganz einfach: weil eine gesunde und ausgewogene Ernährung die beste Garantie dafür ist, dass Kinder gesund aufwachsen. Fettzellen, die im Kindesalter angelegt werden, begleiten den erwachsenen Menschen und fördern Adipositas und damit einhergehend Diabetes Typ 2.

Heute leiden mehr Kinder an Über- als an Untergewicht. Seit dem Jahr 2000 ist der Prozentsatz von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen im Alter bis zu 19 Jahren erschreckend hoch, und zwar konstant (2000: 24 %, 2022: 25 %).

Die Studie Kindergesundheit in Deutschland aktuell (KIDA) des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigt, dass Adipositas bei armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen mehr als dreimal häufiger (17 %) ist als bei Gleichaltrigen aus Familien mit mittlerem (5 %) oder hohem (2 %) Einkommen.

 

Das bedeutet: Ernährungserziehung wird zunehmend auch Aufgabe der Bildungseinrichtungen.

Mehr erfahren » praktische Ernährungsbildung sowie » Geld und Gesundheit

 

Was ist Ernährungserziehung?

Ernährungserziehung ist ein Teil der Gesundheitsbildung. Sie vermittelt Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen rund um Lebensmittel, Essen und Trinken. Dabei geht es unter anderem um:

 

Aspekte der Ernährungsbildung

  • die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung

  • den Umgang mit Hunger und Sättigung

  • die Herkunft und Herstellung von Lebensmitteln

  • gemeinsames Kochen und Zubereiten von Speisen

  • Hygiene in der Küche

  • nachhaltigen Lebensmittelkonsum

  • Wertschätzung von Lebensmitteln und Vermeidung von Verschwendung

  • kritischen Umgang mit Werbung und Ernährungstrends

 

Im Mittelpunkt steht die Entwicklung von Ernährungskompetenz:

Kinder sollen lernen und erleben, wie sie informierte Entscheidungen über ihre Ernährung treffen können. In vielen Familien war eine gemeinsame Mahlzeit am Tag trotz Berufstätigkeit der Eltern noch bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts selbstverständlich.

 

Das ist heute nicht mehr so. Schichtarbeit mit unregelmäßigen, wechselnden Arbeitszeiten, mehrere Jobs, aber auch Stress und ein geringes Einkommen führen dazu, dass immer mehr Kinder zu Hause alleine essen.

Der Wert einer frischen Mahlzeit mit seinen ernährungsspezifischen und sozialen Komponenten sinkt damit gegen Null.

Mehr erfahren » Müssen Kinder jeden Tag warm essen?

 

Warum ist Ernährungserziehung wichtig?

Essgewohnheiten entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Was Kinder früh kennenlernen und regelmäßig erleben, prägt ihr späteres Essverhalten häufig dauerhaft.

Eine gute Ernährungserziehung hingegen kann dazu beitragen:

 

Dabei spielt nicht nur das Wissen über gesunde Lebensmittel eine Rolle, sondern vor allem das tägliche Erleben.

Mehr erfahren » Hidden Hunger

 

Das Problem:

  • Immer mehr Eltern wissen entweder selbst nicht mehr so genau, was eine gesunde Ernährung beinhaltet.

  • Oder sie haben im Arbeitsalltag schlicht keine Zeit, sich damit zu befassen.

  • Oder sie haben aufgrund begrenzter finanzieller Ressourcen resigniert und gesunde Ernährung als „zu teuer“ abgehakt.

Das Resultat:

  • In immer mehr Familien dominieren Convenience-Produkte aus dem Tiefkühlregal.

  • Statt Obst gibt es für die Kinder Geld, mit dem sie sich tagsüber nichts „Gesundes“, sondern Chips, Burger & Co. kaufen.

 

Wie kann Ernährungserziehung heute gelingen?

Fachleute empfehlen, Kinder möglichst aktiv einzubeziehen. Besonders wirksam sind:

1. Vorbild sein:

Kinder orientieren sich stark am Verhalten der Erwachsenen. Wer selbst regelmäßig Obst und Gemüse isst, Wasser trinkt und Mahlzeiten genießt, vermittelt gesunde Gewohnheiten glaubwürdiger als durch Verbote.


2. Gemeinsam essen:

Regelmäßige Familienmahlzeiten fördern nicht nur soziale Kompetenzen, sondern stehen auch mit einer insgesamt ausgewogeneren Ernährung von Kindern in Zusammenhang.


3. Mitmachen lassen:

Schon kleine Kinder können Gemüse waschen, Teig rühren oder den Tisch decken. Wer Lebensmittel selbst verarbeitet, entwickelt oft mehr Interesse daran, Neues zu probieren.


4. Kein Zwang:

Kinder sollten nicht zum Aufessen oder Probieren gezwungen werden. Druck kann die natürliche Wahrnehmung von Hunger und Sättigung beeinträchtigen und die Ablehnung bestimmter Lebensmittel sogar verstärken.


5. Vielfalt anbieten:

Neue Lebensmittel werden häufig erst nach mehreren Versuchen akzeptiert. Geduld und regelmäßiges Anbieten sind meist erfolgreicher als Überredung.

 

Das liest sich erst mal supergut und absolut logisch.

Aber sind diese Experten-Ratschläge auch umsetzbar?

Bei unregelmäßigen Arbeitszeiten, immer mehr Stress und weniger Geld?

Die Antwort: Ja. Das sind sie. Allerdings, und das ist die unangenehme Nachricht: Eltern müssen unter Umständen zuallererst ihre eigenen Prioritäten umschichten.

  • Auf dem Rückweg von der Kita mit dem Kind gemeinsam fürs Abendessen einkaufen.

  • Die eigene Zeit in sozialen Netzwerken etwas reduzieren und stattdessen zusammen kochen und essen.

  • Oder am Wochenende ein paar Stunden für den Familieneinkauf einplanen – und vorher eine Art Essensplan für die Woche machen. Mit den Kindern.

Dazu gehört dann eventuell auch, sich anzuschauen, welche Lebensmittel, Obst und Gemüse gerade im Angebot sind – und den Speiseplan darauf abzustellen.

Klar, viele von euch machen das schon.
Fühlt euch bestätigt: Ihr macht alles richtig!

 

Welche Rolle spielen Kita und Schule?

Kindertageseinrichtungen und Schulen ergänzen die Ernährungserziehung der Familie. Dort können Kinder:

  • unterschiedliche Lebensmittel kennenlernen,

  • gemeinsam kochen,

  • den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit verstehen,

  • praktische Fähigkeiten erwerben,

  • soziale Aspekte gemeinsamer Mahlzeiten erleben.

Viele Einrichtungen arbeiten mit Schulgärten, Kochprojekten oder Programmen zur Ernährungsbildung.

 

Ernährungserziehung heute

mehr als gesunde Ernährung

Moderne Ernährungserziehung berücksichtigt neben gesundheitlichen auch ökologische und gesellschaftliche Aspekte. Dazu gehören:

  • regionale und saisonale Lebensmittel,

  • nachhaltiger Konsum,

  • Lebensmittelverschwendung vermeiden,

  • faire Produktionsbedingungen,

  • kulturelle Vielfalt beim Essen.

Kinder lernen dadurch nicht nur, was gesund ist, sondern auch, welche Auswirkungen ihre Ernährungsentscheidungen auf Umwelt und Gesellschaft haben können.

 

Gesunde Ernährung muss nicht teurer sein!

Die Deutsche Lebensbrücke bietet den Kindern in ihren Frühstücksklubs und Kochklubs und in den Mittagstischen genau das: gesundes Essen als Gemeinschaftserlebnis.

In den Kochklubs und Mittagstischen essen die Kinder nicht nur, sondern planen auch gemeinsam. Das größte Aha-Erlebnis dabei: Eine frische, gesunde Mahlzeit ist nicht teurer als Pizza, Burger, Pommes und Döner. Sie kostet oft sogar weniger, macht aber länger satt und gibt mehr Energie.

Das merken die Kinder sehr schnell. Und immer wieder erzählt ein Kind, dass es ein Rezept daheim ausprobiert hat, mit den Eltern oder Geschwistern. So kann Ernährungserziehung manchmal auch umgekehrt funktionieren.

 

Fazit: Ernährungserziehung

Ernährungserziehung bedeutet weit mehr als die Vermittlung von Ernährungswissen. Sie unterstützt Kinder dabei, ein gesundes, selbstbestimmtes und genussvolles Essverhalten zu entwickeln.

Entscheidend sind dabei nicht Verbote oder strenge Regeln, sondern positive Erfahrungen, gemeinsames Erleben und gute Vorbilder.

Je früher Kinder Ernährungskompetenz erwerben, desto größer sind die Chancen, dass sie auch im Erwachsenenalter bewusste und ausgewogene Entscheidungen treffen.

MaJa Boselli

MaJa hat Romanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit über 20 Jahren Fachartikel im sozialen Bereich. Von praktischen Themen wie Kinderhilfe bis hin zur Sozialpolitik. Außerdem bloggt und twittert sie leidenschaftlich, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Ihre Spezialität: so lange am Thema dranbleiben, bis allen alles klar ist. Ihr Motto: “ich schreibe, also bin ich.”

Weiter
Weiter

Mediensucht bei Jugendlichen – 7 Tipps zur Vorbeugung