Armut: „Jammern auf hohem Niveau“?

Oft heißt es, die Debatte über Armut in Deutschland sei „Jammern auf hohem Niveau“. Wirklich arm, das sind Menschen in Afrika oder Indien, die Hunger leiden oder in Slums leben. Dieser Vergleich verkennt allerdings, dass Armut unterschiedliche Gesichter hat: Neben extremer, lebensbedrohlicher Not gibt es in wohlhabenden Ländern Formen relativer Armut, die nicht weniger real und gesundheitsschädlich bis lebensgefährlich sind.

2 Phänomene existieren gleichzeitig

Armut: „Jammern auf hohem Niveau“?

Weltweit leben viele Menschen in absoluter Armut. Ihnen fehlt das Nötigste zum Überleben: genug zu essen, sauberes Wasser, eine sichere Unterkunft, medizinische Grundversorgung.[1] Diese Armut ist existenzbedrohend.

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Parallel dazu zeigt die Statistik für Deutschland: 2024 galt rund 20 % der Bevölkerung als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Armut ist hier also kein Rand- oder Luxusproblem, sondern ganz konkret und real.

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Wo Armut in Deutschland sichtbar wird

Armut ist nicht nur eine Zahl in Statistiken. Sie ist im öffentlichen Raum sichtbar. In vielen Städten konzentriert sich Armut zum Beispiel in Bahnhofsgegenden. Dort halten sich zahlreiche obdachlose oder suchtbetroffene Menschen auf. Sie sind auf Spenden angewiesen, tragen oft unzureichende Kleidung, schlafen im Freien. Hier zeigt sich eine Form von Armut in Deutschland, die sich der absoluten Armut stark annähert:

  • Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schutz vor Witterung und medizinische Versorgung sind nicht gesichert.

  • Es fehlt an einem geschützten Schlafplatz.

  • Körperliche und psychische Gesundheit sind stark gefährdet.

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Solche Bilder werden gedanklich häufig in den Globalen Süden verlagert. Es entsteht der Eindruck, extreme oder existenzielle Armut gebe es in Deutschland nicht. Der Blick auf die Realität im eigenen Land widerspricht dem aber direkt.

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Armut ist immer kontextabhängig

Daneben existiert außerdem die relative Armut in Deutschland, weniger offen sichtbar, aber im Alltag deutlich spürbar.

Besonders eindrücklich sind Situationen, in denen Armut zur öffentlichen Beschämung führt. Etwa wenn ein Jugendlicher im Winter mit Sandalen auf dem Schulhof steht. Er leidet nicht nur unter der Kälte, sondern auch unter Isolation und Scham. Die soziale Verletzung ist hier ebenso gravierend wie der materielle Mangel.

Relative Armut heißt „relativ“, weil sie sich am Lebensstandard der übrigen Gesellschaft misst – nicht, weil sie weniger ernst zu nehmen wäre. Und es geht auch nicht um weniger „Materielles“ (Geld, Essen, Kleidung), sondern vielmehr um weniger Chancen, weniger Gesundheit und weniger Lebensqualität. » vgl. Kinderarmut (Definition)

 

Wohlstand bedeutet einen höheren ethischen Maßstab

Deutschland gehört zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt. Daraus folgt ein höherer Anspruch an und mehr Verantwortung für das, was als gesellschaftlich akzeptables Mindestniveau gilt. Dazu zählen heute

  • nicht nur: grundlegende Ernährung und ein Dach über dem Kopf

  • sondern auch: fairer Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und beruflicher Entwicklung, kulturelle und soziale Teilhabe, digitale Anbindung und Mobilität.

 

Der Vergleich mit ärmeren Ländern ändert an dieser Verantwortung nichts. Er verhindert höchstens eine notwendige Diskussion durch einen entlastenden Verweis auf noch schlimmere Zustände.

 

Fazit: Armut in Deutschland ist kein Jammern

Die Aussage, in Deutschland werde „auf hohem Niveau gejammert“, verfehlt die Realität. Sie ignoriert, dass hier Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind [2] und dass relative Armut in einem reichen Land schwerwiegende Folgen für Gesundheit und Lebensstil hat.

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Beide sind real: die extreme und die relative Armut. Eines gegen das andere auszuspielen, hilft niemandem – und verharmlost die Lage der Betroffenen in Deutschland.


Quellen

[1] Schuldnerberatung.de: Absolute Armut: Deutschland und die Welt im Vergleich
[2] Statistisches Bundesamt (Destatis): Weiterhin gut ein Fünftel der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht (Pressemitteilung, 2024, zu den Daten 2023)
[3] Statista: Von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohte Bevölkerung in Deutschland (2024)

Tamara Niebler

Tamara ist studierte Germanistin & Philosophin (M.A.). Sie bereichert unsere Websites mit philosophischen Denkanstößen und sachkritischen Fachtexten zu Soziologie, Armutsforschung und Philosophie der Kindheit. Tamaras Motto: „Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen“ (Franz Kafka)

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