Zwischen Inklusion und Förderung: Welche Schule passt zum Kind?

„Ich gebe mein Kind doch nicht auf eine Dummenschule!“ Für Sabine, Mutter eines Kindes mit einer Autismus-Spektrum-Störung, ist der Gedanke an eine Förderschule absolut abwegig. Michaela dagegen wünscht sich für ihre Tochter mit Entwicklungsverzögerung nichts sehnlicher als eine Schule mit erhöhtem Förderbedarf in der Nähe ihres Wohnortes.

 

Inklusion als Patentrezept?

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert inklusive Bildung. Aber ist das heute bei uns überhaupt uneingeschränkt möglich? Und passt das wirklich für jedes Kind?

In meiner Zeit als Pressereferentin in einem Caritasverband war ich auch für die PR der verbandseigenen Förderschulen zuständig.

Die Frage Förderschule oder Regelschule war dabei ein Dauerthema.

Seit Deutschland sich am 26. März 2009 durch das Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) offiziell zu einer inklusiven Gesellschaft verpflichtet hat, ist der „Kampf“ um Inklusion statt Förderschule entbrannt, in den Medien, in der öffentlichen Meinung und bei den Eltern.

Denn die UN-Behindertenrechtskonvention fordert ein inklusives Bildungssystem. Aber passt das immer und für alle Kinder mit einem besonderen Förderbedarf? Bzw. was sind die Voraussetzungen, damit alle betroffenen Kinder in einer inklusiven Schule den bestmöglichen Rahmen haben, um zu lernen und sich wohlzufühlen?

 

Zahlen zur Situation in Deutschland

  • Im Schuljahr 2023/24 gab es rund 608.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

  • Davon lernten ca. 263.700 an Regelschulen (inklusive Beschulung).

  • Rund 344.300 besuchten eine Förderschule.

  • Mehr als die Hälfte der Kinder mit Förderbedarf wird also weiterhin an Förderschulen unterrichtet.

  • Die Förderquote liegt insgesamt bei etwa 7–8 % aller Schüler.

 

Häufige Mythen über Förderschulen

– und was tatsächlich stimmt

Bevor wir uns die verschiedenen Schultypen anschauen, räumen wir erst einmal mit den Mythen über Förderschulen auf, die einfach nicht auszuräumen sind.

 

Mythos 1:

„Förderschulen sind nur für Kinder mit geringer Intelligenz.“

Als ich selbst noch ein Schulkind war, hatte ich eine Freundin, die nicht mit mir in die Grundschule am Ort eingeschult wurde. „Die ist zu blöd. Die muss auf die Dummenschule“, erzählte mir ein Klassenkamerad hinter vorgehaltener Hand. Ich hatte das Mädchen nie für „blöd“ gehalten, sondern sogar besonders gut und deshalb gerne mit ihr gespielt.


Fakt: Förderschulen haben natürlich rein gar nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Es gibt sie für sehr unterschiedliche Förderbedarfe, zum Beispiel:

  • körperliche und motorische Entwicklung

  • Hören und Kommunikation

  • Sehen

  • Sprache

  • emotionale und soziale Entwicklung

Viele Schülerinnen und Schüler dort haben sogar eine durchschnittliche oder hohe Intelligenz, brauchen aber besondere Unterstützung – etwa durch Gebärdensprache, barrierefreie Ausstattung oder therapeutische Begleitung.

 

Mythos 2:

„Inklusion funktioniert für alle Kinder automatisch besser.“

Die Deutsche Lebensbrücke unterstützt immer wieder Kinder mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum, ADHS und Epilepsie. Den kleinen Lian, z.B. Lian leidet unter epileptischen Anfällen (Rolando Epilepsie), ADHS und einer Autismus-Störung. Er geht inzwischen in die 1. Grundschulklasse einer inklusiven Regelschule.

Aber er kommt dort nicht zurecht.

Weder mit den Mitschülern noch mit den Lehrkräften. Seine Assistenz ist nicht immer da, sodass er manchmal nicht in die Schule gehen kann. Aber auch, wenn er da ist, muss er in einem Nebenraum sitzen, um die anderen nicht zu stören. Er wird gehänselt und gemobbt.

Mehr erfahren » Lian leidet an 2 chronischen Krankheiten


Fakt: Inklusion kann sehr gut funktionieren – wenn genügend Ressourcen vorhanden sind. Dazu gehören:

  • Sonderpädagog:innen

  • Schulbegleitungen

  • kleinere Klassen

  • barrierefreie Gebäude

Fehlen diese Voraussetzungen – aus welchen Gründen auch immer - personell oder finanziell oder beides, kann es passieren, dass Kinder mit Förderbedarf im Unterricht nicht ausreichend unterstützt werden.

 

Mythos 3:

„Förderschulen grenzen Kinder aus.“

„Wenn du dein Kind in eine Förderschule gibst, wird es nie mehr im normalen Alltag zurechtkommen.“ Das hören Eltern, die vor der Wahl dieser Schulform stehen, immer wieder. Auch heute. Ich habe eine genau gegenteilige Erfahrung gemacht.

In der Klasse meines Sohnes war ein Junge mit einer Entwicklungsverzögerung, der aus einer Förderschule in unsere Montessorischule gewechselt war. Er kam dank der geförderten Lernerfahrung nun auch super in der Regelschule zurecht, und die beiden haben  sogar zusammen Abitur gemacht.


Tatsächlich haben Förderschulen pädagogische Spezialisierungen für unterschiedliche Unterstützungsbedarfe, etwa:

  • Hören

  • Sehen

  • körperliche Entwicklung

  • geistige Entwicklung

  • Lernen

Vgl. Fördermaßnahmen bei verhaltensauffälligen Kindern

 

Fazit: Förderschulen

Förderschulen sind keine Schulen für „schwache Kinder“, sondern Einrichtungen für spezialisierte Förderung, in denen die Kinder in kleineren Klassen mit speziell ausgebildeten Lehrkräften und mit therapeutischer Unterstützung genau die Lernatmosphäre vorfinden, in der sie sich optimal entwickeln.

 

Inklusive Regelschule oder Förderschule: Das sind die Unterschiede

Die inklusive Regelschule

hat als Grundidee, dass

  • Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam und

  • Kinder mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf erhalten zusätzliche Unterstützung, z. B. Sonderpädagog*innen, Assistenz, Nachteilsausgleich.

Die Förderschule (früher Sonderschule)

hat als Grundidee, dass

  • sie speziell ausgebildete Lehrkräfte und Konzepte für bestimmte Förderbedarfe anbieten,

  • in kleineren Klassen und mit stärker individualisierter Förderung.

 

Das Ideal der Inklusion

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert, dass Kinder mit Behinderungen gleichberechtigt am allgemeinen Bildungssystem teilnehmen können.

Im Idealfall bedeutet das

  • barrierefreie Schulgebäude

  • kleinere Klassen

  • multiprofessionelle Teams

  • individuelle Förderpläne

 

Realität im Schulalltag

Trotz der Verpflichtung zu inklusiver Bildung fehlen in vielen Schulen einfach die wesentlichen Voraussetzungen, die Inklusion im Schulalltag erst möglich machen, wie Personal, barrierefreie Gebäude oder Förderstunden. Studien und Berichte nennen als häufige Probleme:

  • Lehrermangel und fehlende sonderpädagogische Ausbildung

  • zu große Klassen

  • unzureichende räumliche Ausstattung

  • zu wenig individuelle Förderung

 

Filippa, Lian, Lisa und Benjamin würden gerne eine „ganz normale“ Schule besuchen. Aber…..


Filippa aus Bayern hat ein stark verkürztes Bein.

Filippa aus Bayern

hat ein stark verkürztes Bein. Dadurch kann sie keine Treppen steigen.

Das hochintelligente kleine Mädchen würde gerne in die Regelschule in ihrem kleinen Ort gehen. Aber das Schulgebäude ist alt und nicht barrierefrei.

Der Weg in den Unterricht führt ausschließlich über Treppen, und es ist ein Lift noch eine Rampe vorhanden oder geplant.

Filippa braucht keine individuelle Begleitung oder Lernförderung. Sie braucht „nur“ eine barrierefreie Schule mit Aufzügen, Rampen und barrierefreien Toiletten!

 
Lian leidet an Epilepsie und ADHS

Lian aus Hessen

leidet unter Epilepsie, hat ADHS und eine autistische Störung. Nachdem er das erste Schuljahr in einer Regelschule verbracht hat, möchte die Mutter ihn jetzt in einer Förderschule unterbringen.

Lian ist ein sehr intelligentes Kind, das aber aufgrund seiner Auffälligkeiten in der Regelschule, obwohl diese einen inklusiven Ansatz hat, nicht adäquat betreut werden konnte.

Die Klasse war zu groß, die Lehrkräfte überlastet, die Begleitung durch eine Assistenz war nicht durchgehend gewährleistet und nicht ausreichend. Hinzu kam die fehlende Akzeptanz durch die Mitschüler*innen.

Vgl. richtiger Umgang mit ADHS Kindern

 

Lisa aus Sachsen-Anhalt

hat eine körperliche Beeinträchtigung. Vor der Einschulung haben sich die Eltern intensiv mit der Frage der Schulform auseinandergesetzt und sich anschließend gegen eine Regelschule entschieden.

Lisa besucht inzwischen die zweite Klasse einer entsprechenden Förderschule. Denn dort, erklärt die Mutter, gibt es einfach die passende medizinische Ausstattung und intensive pädagogische Betreuung.

Aber sie findet es schade, dass Lisa dadurch in ihrem kleinen Dort nicht mehr komplett integriert ist, weil alle vom Kindergarten auf zusammen sind.  

 
Benjamin aus NRW

Benjamin aus NRW

hat Glück. Er lebt in einer großen Stadt. Benjamin ist Legastheniker und hat HFA (high functioning autism). Er besucht eine inklusive Regelschule. Dort bekommt er immer individuelle Unterstützung durch Sonderpädagogen. Die Lehrkräfte arbeiten einen individuellen Förderplan (IEP) für Benjamin aus.

Der IEP enthält einen Plan für den Transfer der erlernten Fähigkeiten vom Förderraum in die Regelklasse, auf den Spielplatz und sogar nach Hause, wobei in jedem Schritt Unterstützung gewährleistet ist.

Das multiprofessionelle Team der Schule steht in engem, regelmäßigem Kontakt mit den Eltern – ohne sie kann gute Inklusion nicht funktionieren. Gleichzeitig erhält Benjamin einen sogenannten Nachteilsausgleich bei Prüfungen.

  • Ein Nachteilsausgleich gibt Schüler*innen mit Beeinträchtigung die Möglichkeit, eine gleichwertige Leistung zu erbringen. Im Rahmen des Nachteilsausgleichs wird es ihnen durch geeignete Maßnahmen (z.B. mehr Zeit, Notebook-Nutzung), ermöglicht ihr tatsächliches, insbesondere fachliches Leistungsvermögen unter Beweis zu stellen. Das Anforderungsniveau der jeweiligen Prüfung bleibt dabei unangetastet.

  • Bei Beeinträchtigungen, die Schüler*innen daran hindern, wesentlichen Leistungsanforderungen der jeweiligen Jahrgangsstufe zu genügen, erhalten die Kinder Notenschutz. Dabei wird auf die einheitliche Anwendung des für alle Schüler*innen geltenden Maßstabs der Leistungsbewertung verzichtet, und das Kind darf z.B. einen Taschenrechner benutzen (bei Dyskalkulie), oder die Rechtschreibung wird nicht bewertet (bei Legasthenie). Die wesentlichen Leistungsanforderung muss natürlich gewahrt bleiben. Die Abweichung von allgemeinen Maßstäben der Leistungserhebung und -bewertung wird im Zeugnis vermerkt, aber nicht die dahinterstehende Beeinträchtigung selbst.

 

Die Unterscheidung von Nachteilsausgleich und Notenschutz ist rechtlich geboten. Denn es ist ein Unterschied, ob lediglich äußere Rahmenbedingungen geändert werden, um eine Leistung überhaupt darstellen zu können, oder ob es um eine nicht zu leistende Fähigkeit geht, wenn gerade diese Fähigkeit Gegenstand der Prüfung ist.

 

Welche Förderschulen es gibt

Die Förderschwerpunkte sind bundesweit ähnlich strukturiert:

  1. Lernen

  2. Sprache

  3. Emotionale und soziale Entwicklung

  4. Geistige Entwicklung

  5. Körperliche und motorische Entwicklung

  6. Hören und Kommunikation

  7. Sehen

  8. Kranke Schüler / Klinikschule

Der Förderschwerpunkt „Lernen“ stellt mit etwa 40 % den größten Anteil der Förderschüler*innen.

In Deutschland gibt es derzeit etwa 2.800 Förderschulen.

Daneben gibt es aber auch Schulen, die zwar keine Förderschulen sind, aber trotzdem mehr als inklusive Regelschulen auf besondere Förderbedürfnisse eingehen, z.B. Montessori-Schulen, ausgewählte Gesamtschulen, Internate bei intensivem Förderbedarf und kleine, spezialisierte Schulen (z.B. Fusion Academy).

 

Welche Schulform ist die beste für mein Kind?

Inklusion ist kein Patentrezept, und eine pauschale Antwort gibt es nicht. Expert*innen empfehlen eine Entscheidung anhand mehrerer Faktoren:


1. Art des Förderbedarfs

  • körperlich

  • geistig

  • sozial-emotional

  • Lernschwierigkeiten

2. Unterstützungsbedarf im Unterricht

  • braucht das Kind intensive Einzelbetreuung?

  • reicht gelegentliche Unterstützung?


3. Schulische Rahmenbedingungen

  • barrierefreies Gebäude

  • Sonderpädagog:innen

  • Schulbegleitung

4. Klassengröße


5. Persönliche Bedürfnisse des Kindes

  • soziale Integration

  • Belastbarkeit

  • Lernumfeld

6. Wohnort

  • nicht überall gibt es inklusive Angebote

  • Förderschulen sind regional sehr unterschiedlich verteilt


Die Entscheidung ist immer sehr individuell auf das Kind und die Eltern zugeschnitten. Und sie hängt stark vom Wohn- und Lebensumfeld ab. Oft ist nicht unbedingt die Schulform allein entscheidend – sondern die Qualität der Unterstützung, die ein Kind dort tatsächlich erhält.

 

Zunächst müssen die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden,

damit Eltern statt einer Förderschule auch eine Allgemeine Schule in Betracht ziehen können. Dazu gehören die nötige Finanzierung und der Ausbau von Ressourcen, wie zum Beispiel barrierefreie Ausstattung und mehr sonderpädagogisch ausgebildete Lehrkräfte.

 

Förderschulen und Inklusion in Deutschland

Zahlen, Daten, Fakten

In Deutschland gab es im Schuljahr 2023/24 rund 608.000 Schüler und Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Das entspricht einer Förderquote von ca. 7–8 % aller Schüler*innen in Deutschland.

Wo lernen diese Kinder?

  • ca. 344.000 an Förderschulen

  • ca. 264.000 an Regelschulen (inklusive Beschulung)

Inklusionsquote:

  • ca. 43 % der Kinder mit Förderbedarf besuchen eine Regelschule

Anzahl Förderschulen in Deutschland:

  • etwa 2.800 Schulen

Häufigster Förderschwerpunkt:

  • Lernen (rund 40 % der Förderschüler)

 

Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, inklusive Bildung auszubauen. Gleichzeitig bestehen Förderschulen weiterhin parallel zum Regelschulsystem.

MaJa Boselli

MaJa hat Romanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit über 20 Jahren Fachartikel im sozialen Bereich. Von praktischen Themen wie Kinderhilfe bis hin zur Sozialpolitik. Außerdem bloggt und twittert sie leidenschaftlich, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Ihre Spezialität: so lange am Thema dranbleiben, bis allen alles klar ist. Ihr Motto: “ich schreibe, also bin ich.”

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