Liberia: Erziehung und Bildung als Lebensgrundlage
Bildung ist der einzige zuverlässige und nachhaltige Weg für die liberianischen Mädchen – aber genauso für die Jungen – hinaus aus der ererbten Armut und hin zu einem selbstbestimmten und finanzierten Leben in ihrem Heimatland. Deshalb unterstützt die Deutsche Lebensbrücke gezielt Bildungsprojekte in Liberia.
Geopolitische Begriffsklärung
Afrika ist kein homogener Raum, sondern umfasst 54 Staaten mit enormer kultureller, sprachlicher und politischer Vielfalt
Es gibt große kulturelle und geopolitische Unterschiede zwischen:
Nordafrika (stärker arabisch-islamisch geprägt)
Subsahara-Afrika (vielfältige ethnische und kulturelle Strukturen)
Die unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungssysteme variieren stark je nach:
Kolonialgeschichte
Wirtschaftslage
politischer Stabilität
Bildung als einziger Weg aus Armut und Unterdrückung
Liberia ist ein Staat an der westafrikanischen Atlantikküste und grenzt an Sierra Leone, Guinea und die Elfenbeinküste und liegt überwiegend in der tropischen Zone mit Regenwald, der zu großen Teilen gerodet wurde.
Anders als die meisten afrikanischen Staaten wurde Liberia nie kolonialisiert, sondern 1822 als Siedlung für freigelassene Sklaven gegründet und 1847 für unabhängig erklärt.
Liberia gilt damit als die älteste Republik nach heutigem Verständnis. Der Staat gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Pandemien und Kriege haben das Land schwer gezeichnet. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Laut Schätzungen wird jedes 3. Mädchen vergewaltigt.
Die Familie in der westafrikanischen Kultur
Familie ist in der westafrikanischen Kultur die zentrale soziale Einheit, die oft über die Kernfamilie hinausgeht (Großfamilie, Clan). Wenn in Liberia jemand von seinem Onkel spricht, muss das kein leiblicher Verwandter sein. Kinder werden oft in andere Dörfer oder Städte zu Verwandten gegeben und dort wie leibliche Kinder großgezogen.
Die Großfamilie trägt die kollektive Verantwortung für die Erziehung der Kinder.
Ältere Generationen spielen eine wichtige Rolle. Sie werden geehrt und respektiert, gelten als Weise und sind verantwortlich für die Weitergabe von Wissen, Werten und Traditionen. Das bedeutet aber auch, dass sie veraltete, manchmal auch schädliche Bräuche weitergeben. Z.B. die Genitalverstümmelung (FGM). Schätzungen zufolge ist noch heute die Hälfte der weiblichen Bevölkerung von FGM betroffen.
Kinder gelten häufig als soziale und ökonomische Ressource
Traditionelle Erziehungsmuster und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen
Lernen erfolgt traditionell oft informell und praxisnah (Beobachtung, Nachahmung, Teilnahme). Der Fokus liegt dabei vor allem auf:
Gemeinschaftssinn
Respekt gegenüber Älteren und
sozialem Rollenverhalten innerhalb der Gemeinschaft
Initiationsrituale als Übergang ins Erwachsenenalter sind Standard, nicht nur auf dem Land. Auswirkungen der traditionellen Erziehungsmuster:
hohe soziale Kohäsion
aber teilweise eingeschränkte individuelle Entfaltung (je nach Kontext)
Der Einfluss des westlichen Kolonialismus
Einführung formaler Schulsysteme nach europäischem Vorbild
Unterrichtssprache oft Kolonialsprache (z. B. Englisch, Französisch)
Verdrängung bzw. Abwertung lokaler Wissenssysteme
Langfristige Folgen:
Bildungssysteme oft nicht an lokale Realitäten angepasst
soziale Ungleichheiten verstärkt
Erziehung und Bildung – Grundlage für ein gutes Leben
Überall, aber besonders in einem so armen Land wie Liberia ist Bildung der einzige nachhaltige Schlüssel zu:
wirtschaftliche Entwicklung
sozialem Aufstieg und
politischer Teilhabe
Dabei stehen die Verantwortlichen hier vor ganz besonderen Herausforderungen, die eine homogene Bildung der Kinder und Jugendlichen als Hoffnungsträger noch schwerer machen als z.B. bei uns in Deutschland und in der globalen westlichen Welt:
ungleicher Zugang zu Erziehung und Bildung (Stadt vs. Land, Geschlechterunterschiede und Ungleichbehandlung und Bewertung von Mädchen)
Ressourcenmangel (Lehrkräfte, Infrastruktur wie Campus, Gebäude, Wege und Straßen)
Doch es gibt positive Trends: die Einschulungsraten steigen, und es wird ein wachsender Fokus auf Mädchenbildung gelebt. Diese Entwicklung in eine wichtige und richtige Richtung stehen und fallen allerdings mit der Qualifikation der Lehrer*innen.
Anforderungen an moderne Pädagogik
Nur, wenn immer mehr Kinder in Liberia eine echte Chance auf Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse haben, gibt es für sie eine Zukunft in ihrem Heimatland. Und nur dann wird das Land Liberia einen Weg aus staatlicher, wirtschaftlicher und sozialer Armut finden können.
Dazu braucht es:
eine modere Pädagogik, die traditionelles Wissen und globale Kompetenzen verbindet.
Kontextbezogene Bildung, angepasst an die lokalen Lebensrealitäten und verbunden mit Bildungsangeboten, die von allen Familien genutzt werden können, auch von den vielen ohne jegliche finanzielle Ressourcen.
Gerade in einem noch stark von traditionellen Vorstellungen und Ritualen geprägten Land müssen folgende Softskills gefördert werden:
kritisches Denken
Problemlösungskompetenz
Eigeninitiative
inklusive Bildungssysteme mit freiem Zugang für benachteiligte Gruppen, d. h. Familien in entlegenen Dörfern, Familien, in denen das von den Kindern erwirtschaftete Einkommen lebensnotwendig ist, und Familien von alleinerziehenden Müttern
Im Unterricht muss die Mehrsprachigkeit (in Liberia gibt es über 30 verschiedene indigene Sprachen) berücksichtigt werden.
An vielen Instituten im globalen Süden wird bis heute keine „moderne“ Pädagogik gelehrt. Es gelten oft noch die Kriterien des bei uns bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts als „schwarze Pädagogik“ bezeichneten autoritären Erziehungsstils. Strafen statt Anreize, starre Hierarchien, auch der Klaps mit dem Lineal ist vielerorts noch üblich.
Die Grundlagen für eine moderne Pädagogik können und müssen an den Universitäten gelegt werden. Die Nachwuchslehrkräfte müssen unabhängig von kolonialen Lernstrukturen und mit Augenmerk auf die besonderen Bedürfnisse und Bedarfe der Kinder im Heimatland ausgebildet werden. Das geschieht im William V.S. Tubman College of Education.
Seit der Abschaffung der Studiengebühren 2018 ist der Zugang zu einer modernen pädagogischen Ausbildung auch für junge Menschen ohne finanzielle Mittel möglich.
Famaden Memorial Institute: Joes Ansatz und unsere Unterstützung
Mehr erfahren im » Video-Interview mit Joe Reeves
In Bezug auf Kultur, Bildung und Lebensgrundlagen herrschen Riesenunterschiede zwischen Stadt und Land. Die Bildungslandschaft ist nach wie vor zweigeteilt.
In städtischen Gebieten ist der Zugang zu Schulen besser, während im ländlichen Raum ein Großteil der Bevölkerung, insbesondere Frauen, keinen Zugang zu formaler Bildung hat.
Die Analphabetenrate ist in Liberia mit über 50 % sehr hoch, wobei sie auf dem Land deutlich über dem städtischen Durchschnitt liegt.
Zahlen von 2024 besagen, dass 40,7 % der Schüler*innen in der Stadt zur Schule gehen, verglichen mit nur 27,2 % auf dem Land.
Auch die Drop-out-Quote ist in ländlichen Regionen (ca. 15,6 %) höher als in Städten (ca. 13 %).
Hier setzt das Schulprojekt in Liberia an
Am Stadtrand von Liberia bietet das Famaden Memorial Institute armen Kindern und Jugendlichen eine umfassende Schulbildung von der Grundschule bis zum qualifizierten Abschluss und damit die Fähigkeit, eine Ausbildung zu beginnen und ein selbstständiges, finanziell unabhängiges Leben oberhalb der Armutsgrenze zu führen.
Inzwischen ist auch ein Internat an die Schule angegliedert, damit Kinder, die täglich einen Schulweg von 2 Stunden oder mehr haben, unter der Woche direkt auf dem Campus wohnen können.
So haben auch Kinder aus entlegenen Dörfern die Möglichkeit, eine gute Schulbildung und einen qualifizierten Abschluss zu bekommen.
Die Deutsche Lebensbrücke unterstützt das Famaden Memorial Institute seit langem auf vielfältige Weise.
Steckbrief unseres Bildungsprojektes
Bildungsansatz:
praxisnahe Bildung
individuelle Förderung
Kombination aus schulischem Lernen und Lebenskompetenzen
Fokus auf:
nachhaltige Entwicklung
Selbstständigkeit der Schüler
Unterstützung durch die Deutsche Lebensbrücke:
finanzielle Hilfe
Infrastrukturaufbau
Bildungsprojekte
Die Kooperation zwischen dem FMI und der Deutschen Lebensbrücle ist eine partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe und als solche beispielhaft für nachhaltige zukunftsweisende Hilfe für die Kinder und Jugendlichen vor Ort.

