Ein Kochklub-Kid greift zu den Sternen

In den Kochklubs der Deutschen Lebensbrücke erleben Kinder und Jugendliche aus finanziell und sozial benachteiligten Familien neue Perspektiven. Manchmal prägen diese Erlebnisse ihren weiteren Lebensweg. Cvijo ist heute 30. Er ist in München geboren, Sohn serbischer Eltern und gleichzeitig ein waschechtes „Kind“ aus dem Münchner Stadtteil Hasenbergl, einem Wohngebiet, das lange als Brennpunktviertel galt.

 
Ein Kochklub-Kid greift zu den Sternen

Cvijo hatte einen langen Weg

Kita, Schule, Fußball – alles vor Ort. Als er nach dem Quali in München keinen Ausbildungsplatz fand, ging er bei seinem Onkel in Serbien in die Schreinerlehre.

Aber die Heimat der Eltern, die für Cvijo wie für viele Migrationskinder der 2. Generation in den Ferien immer voller Freiheit und Abenteuer war, verlor im Arbeitsalltag schnell ihren Reiz.

Er bekam Sehnsucht nach seiner Münchner Heimat, nach seinen Freunden und den Eltern.

Also kam er mit 17 zurück. Doch auch hier tat er sich nicht leicht, fühlte sich fremd und irgendwie nirgendwo mehr daheim – außer im Jugendzentrum Neuland. Dort treffen sich Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Siedlungen, spielen, reden, “hängen ab.”

Genau hier, im Neuland, startete die Deutsche Lebensbrücke 2007 ihren ersten Kochklub. Heute hat sich dieses Erfolgsprojekt in mehreren deutschen Städten etabliert.

Damals war Cvijo einer der allerersten Jugendlichen im Projekt – und entdeckte bald eine neue große Leidenschaft:

 
Ich hab schon in der Kita immer gerne gekocht, und ich habe auch meiner Mutter in der Küche geholfen. Wenn sie abends lange gearbeitet hat, hab ich oft sogar das Abendessen für die ganze Familie gemacht.
— Cvijo
 

Vom Kochklub-Kid zum Kochklub-Chef

Cvijo war von Anfang an ganz wichtig für unseren Kochklub“, erinnert sich Petra Windisch de Lates, die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lebensbrücke. „Familienleben ist für viele unserer Kochklub-Kids keine Selbstverständlichkeit. Ebenso wenig wie gemeinsame Aktivitäten oder Mahlzeiten, an denen alle an einem Tisch sitzen und sich unterhalten. Cvijo kannte das alles von daheim. Damals kamen viele Kinder wie er aus dem Balkan, da hatte er einen direkten Draht.“

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Im Kochklub lernen die Jugendlichen, mit kleinem Budget und frischen Zutaten einfache Mahlzeiten zuzubereiten. Die meisten erleben dabei zum ersten Mal, dass gesunde Ernährung Spaß machen kann und weniger kostet als ein Fast-Food-Menu. Deshalb kommen sie die ganze Schulzeit über in den Klub. Und auch später – wie Cvijo und seine Freunde.

 

Nach seiner missglückten Lehre in Serbien wusste Cvijo nicht, wie es weitergehen sollte.

Seine Eltern drängten ihn zu einer Ausbildung, aber Cvijo wollte nicht nochmal den Fehler machen, etwas anzufangen, was er dann nicht durchziehen konnte. Oder wollte. Also jobbte er zunächst in einer Reinigungsfirma und bei einem Sicherheitsdienst.

In den Kochklubs werden die Jugendlichen von einem Betreuer oder einer Betreuerin angeleitet. Gemeinsam machen sie den Speiseplan, schreiben den Einkaufszettel und gehen auch zusammen los.

Eines Tages war der Koch im Neuland krank. Da habe ich gesagt: Macht nichts, dann koche ich eben. Das hat allen so gut geschmeckt, da haben sie mich gefragt, ob ich das immer machen will“, erzählt er und lacht.

Dafür bekam er natürlich eine Aufwandsentschädigung. Aber das war nicht Grund, warum der junge Mann diesen Job so liebte.

 

„Ich hab die Kids im Griff”


Seine Jobs legte er immer so, dass er freitags um 16 Uhr mit den Kindern einkaufen, kochen und dann auch gemeinsam essen konnte. Und was kochte er so?

Fastfood gab’s bei mir nie. Alles wird frisch zubereitet, und Salat muss sein.“ Und Pommes? Klar, die auch. Aber bitte selbstgemacht! „Ich weiß, wie die ticken“, sagte Cvijo über die Kochklub-Kids. „Manche Jungs wollen erst mal nicht schnippeln oder Tisch decken, aber irgendwann kriege ich sie alle, und wenn es über ihr Lieblingsgericht ist, das wir zusammen kochen. Mir hat die Gemeinschaft gutgetan, als ich ziemlich fertig war. Dann hat es mir Spaß gemacht, anderen zu helfen.“

Viele Jahre lang engagierte sich Cvijo als ehrenamtlicher Betreuer im Kochklub.

 

Migration als Chance

Keiner ist doch freiwillig auf der Flucht. Wenn man nach Deutschland kommt, dann muss man sich an die neue Heimat anpassen. Deshalb braucht man die alte ja nicht zu vergessen,
— sagt Cvijo heute.

„Trotzdem braucht man einfach so einen Ort, wo man zusammen abhängen kann, chillen und vielleicht auch von der alten Heimat träumen. Wir hatten im Kochklub Kinder aus vielen Nationen. Probleme hat es bei uns nie gegeben.

Wir haben uns immer gegenseitig respektiert. Und wir haben uns auch ergänzt und von einander gelernt. Jede Kultur hat schließlich auch ihre eigenen besonderen Gerichte.”

 

Ein Kochklub-Chef greift zu den Sternen

Irgendwann nach drei, vier Jahren wusste Cvijo dann, was er machen wollte. Beruflich und aus seinem Leben.

Er suchte sich ein gutes Restaurant und begann eine Ausbildung als Koch. Dual, im Betrieb und in der Berufsschule.

Das war gar nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte”, erinnert er sich. “Und wenn ich die Nase voll hatte von der Theorie, konnte ich im Restaurant wieder praktisch arbeiten.”

Aufgrund seiner vielen Vorkenntnisse konnte Cvijo die Ausbildung sogar schon nach 2,5 Jahren abschließen statt nach 3.

Und heute? Wir haben den Kontakt zu ihm verloren – aber vielleicht trefft ihr ihn ja mal in seinem eigenen Restaurant? In Bayern oder in Serbien.

Vielleicht hat er sogar einen Stern? Wer weiß.

MaJa Boselli

MaJa hat Romanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit über 20 Jahren Fachartikel im sozialen Bereich. Von praktischen Themen wie Kinderhilfe bis hin zur Sozialpolitik. Außerdem bloggt und twittert sie leidenschaftlich, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Ihre Spezialität: so lange am Thema dranbleiben, bis allen alles klar ist. Ihr Motto: “ich schreibe, also bin ich.”

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