Transgender Kinder

Transidente Kinder

Wenn ein Junge plötzlich ein Mädchen sein will - oder umgekehrt, stellt das die Welt der Familie erst einmal auf den Kopf. Transsexualität bei Kindern - wie gehen Eltern damit um?

Mein Kind ist transident

„Mama, Papa, ich heiße nicht Viktor, ich heiße Lisa.“ Hand aufs Herz – wie reagieren Sie, wenn Ihr Kind Ihnen das am Frühstückstisch sagt? Nein, nicht etwa Ihr erwachsener Sohn, sondern der lockige Vierjährige, mit dem der Vater so gerne Drachen steigen lässt, der mit der Mutter Dinoplätzchen backt und der im Kindergarten der Liebling in seiner Gruppe ist. Fantasievoll, verträumt, aber dann auch wieder wild und ein echter Rabauke. Und das soll ein Mädchen sein? Wie kommt er darauf?

Haben wir etwas falsch gemacht?


„Was haben wir falsch gemacht?“ Diese Frage stellen sich Eltern von Transgender Kindern sehr häufig. Die Antwort lautet: nein. Trans Kinder fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, welches ihnen aufgrund ihrer Körpermerkmale zugeordnet wurde. Sie ordnen sich ganz klar dem „Gegengeschlecht“ zu. Und zwar schon viel früher, als man lange geglaubt hat. Viktor zum Beispiel wollte sich schon mit 2 Jahren die Haare wachsen lassen. Kaum in Kindergarten, lieh er sich von Mädchen aus der Gruppe Kleider aus, um sie anzuprobieren. Bald wollte er zu Hause nur noch in Kleidern rumlaufen. Die Eltern waren zwar erstaunt, erfüllten ihm aber den Wunsch. Denn sie hatten sich informiert und gelesen, dass Kinder durchaus Phasen haben, in denen ein Junge lieber wie ein Mädchen und ein Mädchen lieber wie ein Junge aussehen will. Nur draußen, darauf bestanden die Eltern, sollte er sich „wie ein Junge“ anziehen. Mit der Zeit wurde er dann immer stiller, erinnert sich die Mutter. Und auch die Kindergärtnerin berichtete von einem inneren Rückzug des Kleinen.

Gendervarianz

Kinder haben durchaus mal Phasen, in denen ein Junge lieber wie ein Mädchen und ein Mädchen wie ein Junge aussehen möchte.

Bis zu dem Tag, an dem Viktor seinen Eltern klar sagt, dass er ein Mädchen ist und von ihnen auch als solches behandelt werden will. Dazu gehört eine Riesenportion Mut. Und ein ziemlich großer „Leidensdruck“. Rückblickend erinnert sich die Mutter an viele kleine Details, die ihr zeigen, dass Lisa schon lange da war, auch, als sie sich noch Viktor nannte. Nicht nur die Vorliebe für Kleider, sondern auch für die Farbe rosa. Von den Wänden des Zimmers bis hin zu den Ü-Eiern. Das verträumte Tanzen vor dem Fernseher. Oder das Verstecken des Penis vor dem Spiegel, um zu spielen, dass dort stattdessen eine Scheide war.

 

Transgender – eine Begriffs(er)klärung

Der Begriff Transgender bezieht sich auf Personen, die sich mit dem Geschlecht, mit dem sie geboren wurden, nicht identifizieren können. Oft werden auch die Begriffe Transsexualität oder Transsexualismus verwendet Letzterer steht auch im internationalen Diagnose-klassifikationssystem ICD-10. Dort wird er als "Störung der Geschlechtsidentität" bezeichnet. Diese Bezeichnung wird allerdings kritisch gesehen, weil Transsexualität damit als Krankheit bezeichnet wird und sich zu sehr auf den Körper bezieht.

Bei Trans Menschen geht es natürlich um viel mehr als um Sexualität. Es geht um die soziale Anerkennung. Dazu gehören wesentlich der zum identifizierten Geschlecht passende Name – und das richtige Pronomen. Die Angleichung an das „richtige“ Geschlecht wird Transition genannt. 

 

Trans Kinder sind nicht allein

Fachleute aus Medizin und Psychologie sagen: Transident zu sein sucht man sich nicht aus. Man muss Trans Kinder und Jugendliche ernst nehmen, ihnen zuhören und Raum und Zeit geben. Die Berliner Charité geht davon aus, dass schätzungsweise 1,5 bis 2 Prozent der Kinder und Jugendlichen das zugewiesene Geschlecht im Widerspruch zu dem wahrnehmen, was sie selbst als ihre geschlechtliche Identität empfinden.


Laut der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) gibt es in Deutschland rund 60.000 bis 100.000 Trans Personen. Das sind 0,07 bis 0,12 Prozent der Menschen. In den letzten Jahren ist die Achtsamkeit für Trans Menschen bei uns gestiegen. Und das gilt zum Glück auch für Kinder.

 

Heute können transgeschlechtliche Kinder und ihre Familien psychologische therapeutische Begleitung erhalten. Dafür gibt es in vielen Städten spezielle Sprechstunden, z.B. in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main und Münster. 

 

Wie unterstützt die Medizin transidente Kinder?

Medikamentös und operativ wird in der Kindheit nichts gemacht. Mit Beginn der Pubertät – heute etwa mit elf Jahren – können Medikamente die Pubertät und damit die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale unterdrücken, also Bartwuchs, Stimmbruch, Vergrößerung von Penis und Hoden bzw. Brust und Menstruation. Die Entscheidung zu einer Geschlechtsanpassung soll aber immer wohlüberlegt sein. Dazu kann die durch die Blocker herbeigeführte Pubertätspause genutzt werden, bevor dann über eine Hormonbehandlung mit Testosteron für Transmänner und Östrogen für Transfrauen entschieden wird. Auch in dieser Phase ist eine therapeutische Begleitung der Jugendlichen möglich und sinnvoll.

 

Wie erkenne ich, dass mein Kind transident ist?

  • Die Vorliebe für Spielzeug, Farben, Kleidung und Frisur kann vorübergehend sein. Gerade im Kindergartenalter probieren Kinder oft verschiedene Geschlechterrollen für sich aus. Solche Vorlieben werden auch als „Gendervarianz“ bezeichnet. Manche Mädchen wollen kurze Haare haben und mit Autos spielen, manche Jungen lieben Prinzessinnenkleider und spielen mit Barbies. Das kommt nicht selten vor und hängt oft mit Geschwistern oder Freund*innen zusammen. Lassen Sie Ihr Kind diese Phase durchleben – und sich dann ungezwungen entscheiden.

  • Die mögliche Fluidität von Geschlecht im jungen Alter ist etwas anderes als die innere Gewissheit, im "falschen Körper" zu leben. Wenn die Betroffenen darunter leiden, kann man die klinische Diagnose Geschlechtsdysphorie stellen. Spezielle Sprechstunden berichten, dass bis zu drei Viertel der Kinder, die sich in ihrem Körper vorübergehend nicht wohl fühlten, das Verlangen nach einem anderen Geschlecht wieder aufgäben. 

  • Transgender Kinder hingegen nutzen typische gesellschaftliche Merkmale des anderen Geschlechts, um sich „echt“ zu fühlen. Sie sagen schon sehr früh sehr deutlich: „Ich möchte ein Junge/ein Mädchen sein.“ Und stellen sich z.B. automatisch in die für sie „richtige“ Gruppe, wenn im Kindergarten, in der Schule oder beim Sport in Jungen und Mädchen unterteilt wird.

Woher kommt Transgeschlecht-lichkeit?

Das ist bis heute ungeklärt. Im Moment geht man von hormonellen Ursachen aus, die den Embryo wahrscheinlich bereits im Mutterleib beeinflussen.

Ganz wichtig: Ein Trans-Kind ist nicht krank, weder physisch noch psychisch. Aber erfahrene Ablehnung kann auf lange Sicht zu schweren Traumata führen!


Wir lieben Dich – unabhängig von deinem Geschlecht!


Für Lisa ist es sehr wichtig, den Eltern zu zeigen, dass sie immer noch das gleiche Kind ist. Ob Viktor oder Lisa, ob Junge oder Mädchen, sie will von ihren Eltern geliebt werden. „Seit wir Lisa akzeptiert haben, ist sie auch in der Kita wieder ausgelassen. Ihre Freundinnen und Freunde haben überhaupt kein Problem damit. Und auch unsere Befürchtungen, wie Familie und Bekannte reagieren würden, haben sich im Nachhinein als unnötig herausgestellt. Lisa ist so ein liebenswertes, glückliches, unbeschwertes Kind. Das merken alle, und das ist das Einzige, was zählt,“ berichtet Lisas Mutter.


Mein Kind ist transident. Und jetzt? 

  • Die meisten Kinder sagen ihren Eltern irgendwann, was und wie sie fühlen. So, wie Viktor/Lisa es gemacht hat. Sobald Ihr Kind Ihnen sagt, dass es nicht seinem biologischen Geschlecht angehört, sollten Sie ihm versichern, dass es deshalb nicht unnormal ist und dass es andere Kinder gibt, denen es genauso geht. Das gleiche gilt, wenn Sie beobachten, dass Ihr Kind sich in seinem Geschlecht nicht wohl fühlt, ohne etwas zu sagen.

  •  Heute gibt es eine ganze Fülle von Anlaufstellen für Familien mit Trans Kindern. Oft können die Kita, die Schule oder die Hausärzt*in erste Adressen geben, die alle möglichen Fragen beantworten. Und auch im Internet gibt es Portale und jede Menge Informationen und kindgerechte Bücher. Denn auch wenn Transgeschlechtlichkeit heute in unserer Gesellschaft kein Tabuthema mehr ist – für Kinder und Eltern bedeutet sie immer eine Umstellung.

  • Akzeptieren Sie Ihr Kind in seinem anderen Geschlecht. Rufen Sie es bei seinem gewählten Namen. Führen Sie unter Umständen zu gegebener Zeit eine offizielle Namensänderung durch, im Pass und auf der Gesundheitskarte, zum Beispiel. Für eine Änderung von Vornamen und Geschlechtseintrag gibt es übrigens kein Mindestalter. 

  • Unterstützen Sie seine Entscheidungen bezüglich Kleidung, Frisur, Interessen, Sport, Spielzeug und Freund*innen. 

  • Informieren Sie Familie und die betreffenden Personen in Ihrem Umfeld möglichst sachlich darüber, dass Ihr Kind dem anderen Geschlecht angehört. Wichtig: Bitten Sie sie, dieses Thema nicht mit Ihrem Kind zu diskutieren oder zu hinterfragen – egal, wie sie dazu stehen. Wenn Ihr Kind vor der Einschulung steht, ist es sinnvoll, auch mit den Lehrkräften und der Schulleitung zu sprechen, damit das Kind möglichst von Anfang an Normalität erlebt und sich nicht erklären muss.

Wichtig: auch ohne offizielle Namensänderung darf die Kita oder Schule Ihr Kind seinem Geschlecht entsprechend ansprechen und schriftlich mit dem gewünschten Namen führen.

Ein langer Weg

Auch, wenn bei uns die traditionellen Geschlechtervorstellungen in Bewegung geraten und Transidenten Menschen mit immer mehr Aufgeschlossenheit begegnet wird: Das reicht noch nicht. Dr. Alexander Korte, Psychiater am Ludwig-Maximilian-Uniklinikum München, fordert, dass die Gesellschaft zusätzlich insgesamt flexibler mit ihren Rollenvorgaben, Erwartungen und Geschlechtermodellen umgeht. Dazu gehört maßgeblich auch die Politik.  Z.B. sollte ein gesetzlich verankertes Selbstbestimmungsrecht Jugendlichen ab 14 Jahren erlauben, ihr Geschlecht beim Standesamt angeben können. Bislang fand eine solche Novelle im Bundestag keine Mehrheit. Es ist noch ein langer Weg hin zu einer allgemeinen Akzeptanz von transgeschlechtlichen Menschen. Aber auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und der ist zum Glück bei uns schon getan.


Quellen 

  • Trans-Kinder-Netz.de

  • SWR 2 Wissen: Transidentität

  • Kita.de: Transgender-Kinder

  • Transgender-Kinder | WDR Doku

  • Familie.de: Transsexualität bei Kindern

MaJa Boselli

MaJa hat Romanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit über 20 Jahren Fachartikel im sozialen Bereich. Von praktischen Themen wie Kinderhilfe bis hin zur Sozialpolitik. Außerdem bloggt und twittert sie leidenschaftlich, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Ihre Spezialität: so lange am Thema dranbleiben, bis allen alles klar ist. Ihr Motto: “ich schreibe, also bin ich.”

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