PISA Schock: Was nun? 6 Wege aus dem Bildungstief
In der aktuellen PISA Studie hat sich Deutschland massiv verschlechtert. Die gemessenen Leistungen der Schüler*innen liegen 2025 in allen drei Bereichen auf dem niedrigsten jemals gemessenen Niveau. Das lässt sich nicht auf die einzelnen Fächer eingrenzen: Deutschland hat ganz offensichtlich ein umfassendes Bildungsproblem.
Wir fragen: was sind die Knackpunkte, was kann und was muss geändert werden, und was können die Eltern, was kann die Familie dazu beitragen?
Die Ergebnisse in Kurzform
Mädchen
484 Pisa Punkte
478
458
Bereich
Naturwissenschaften
Lesen
Mathematik
Unterschied
Jungen +3
Mädchen +25
Jungen +11
Jungen
487 (Punkte)
453
469
Besonders problematisch: 35 % der deutschen 15-Jährigen erreichen in Mathematik nicht einmal Kompetenzstufe 2, beim Lesen sind es rund 32 % und bei Naturwissenschaften rund 27 %.
Das historisch schlechte Ergebnis hat katastrophale Auswirkungen auch auf die Wirtschaft, denn bessere Bildung gleich höherer Wohlstand, so der Ökonom Ludger Wößmann (WiWO). Deutschland könnte bei besseren Bildungsleistungen in den nächsten 80 Jahren knapp 21 Billionen Euro an zusätzlichem Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften.
Aber wie werden diese besseren Bildungsleistungen erreicht?
Migration als Chance
Eins gleich vorweg: Die PISA-Daten zeigen, dass „Migration“ nicht die Ursache schlechter Leistungen ist. Sie zeigen allerdings, dass soziale Benachteiligung und sprachliche Voraussetzungen einen erheblichen Teil des Unterschieds erklären.
Andere Einwanderungsländer zeigen, dass es auch anders geht. Die OECD weist ausdrücklich darauf hin, dass Länder mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund gleichzeitig sehr gute PISA-Ergebnisse erzielen.
Genannt werden unter anderem Kanada, die Schweiz, Hongkong und Macau. Die OECD bezeichnet die Vorstellung, ein höherer Anteil von Migrantenkindern führe automatisch zu schlechteren Bildungsergebnissen, ausdrücklich als Fehlannahme.
Was ist die Ursache der deutschen Bildungsmisere?
PISA ist zwar keine Ursachenstudie, aber sie zeigt Zusammenhänge, aus denen sich einige sehr deutliche Problembereiche ergeben.
Schule
1. Lehrkräftemangel und Unterrichtsqualität
Lehrkräfte sind laut OECD einer der entscheidenden Faktoren für leistungsfähige Bildungssysteme. Entscheidend sind nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch pädagogische Fähigkeiten, Klassenführung, Diagnostik und die Fähigkeit, Schüler zu motivieren.
In Deutschland berichteten Schulleitungen zwar gegenüber 2022 von Verbesserungen beim Lehrkräftemangel. Das Problem ist aber keineswegs gelöst.
2. Zu wenig konsequente Förderung der Basiskompetenzen
Lesen, Schreiben und Mathematik sind die Grundlage für praktisch alle weiteren Bildungsprozesse. Wenn ein Drittel der Jugendlichen beim Lesen oder Rechnen die Basiskompetenzen nicht erreicht, kommt eine Schule, die erst spät gegensteuert, kaum noch hinterher.
3. Fehlende individuelle Förderung
PISA zeigt sehr große Leistungsunterschiede innerhalb Deutschlands. Das System muss deshalb stärker danach unterscheiden, welche Schule und welches Kind welche Unterstützung braucht – statt Ressourcen weitgehend nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen.
Elternhaus und soziale Herkunft
Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 % der Unterschiede bei den Naturwissenschaftsleistungen – deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt von 12 %.
Noch dramatischer formuliert: Laut den deutschen PISA-Forschern gelangen nur etwa 2 % der Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien in den leistungsstarken Bereich, bei privilegierten Jugendlichen sind es etwa 25 %.
Und das hat nichts mit Intelligenz und alles mit Förderung zu tun.
Bildungserfolg hängt in Deutschland noch immer ungewöhnlich stark davon ab, aus welchem Elternhaus ein Kind kommt.
Hinzu kommt ein weiterer alarmierender Befund: Die familiäre Unterstützung ist zurückgegangen. 2025 sagten nur noch 73 % der Jugendlichen, ihre Eltern fragten mindestens einmal pro Woche, was sie in der Schule gemacht hätten – 2022 waren es noch 81 %. Über schulische Probleme sprachen 2025 nur 41 % mindestens wöchentlich mit ihren Eltern, gegenüber 57 % im Jahr 2022.
Das heißt nicht, dass „die Eltern schuld“ sind. Aber es zeigt, wie stark Bildung durch familiäre Ressourcen, Zeit, Sprache, Einkommen, Bildungsniveau und Unterstützungsmöglichkeiten beeinflusst wird.
Gesellschaftliches Umfeld
Hier kommen gleich mehrere ungute Entwicklungen zusammen:
• soziale Ungleichheit
• Zuwanderung und unterschiedliche Sprachvoraussetzungen
• nachlassende familiäre Unterstützung
• Fehlzeiten und Verspätungen
• digitale Ablenkung und verändertes Medienverhalten
• die Folgen der Corona-Pandemie
• insgesamt sinkende Lesekompetenz
Aus PISA 2025 geht hervor, dass in Deutschland 48 % der Jugendlichen in den zwei Wochen vor der Erhebung mindestens einmal zu spät zur Schule kamen. 14 % fehlten mindestens einen ganzen Schultag unentschuldigt.
Corona und die Folgen der Pandemie sind dafür nicht die alleinige Erklärung. Denn der Abwärtstrend hat in Deutschland schon davor eingesetzt. Die OECD weist ausdrücklich darauf hin, dass die negative Entwicklung bereits vor COVID-19 begonnen hatte.
Die PISA-Studie zeigt, dass familiäre Unterstützung wichtig ist – aber auch, dass sie stark von sozialen Bedingungen abhängt. Die OECD findet einen positiven Zusammenhang zwischen familiärer Unterstützung und Leistung; gleichzeitig ist die familiäre Unterstützung seit 2022 deutlich zurückgegangen.
Aber: Der PISA-Schock 2025 ist kein Problem einzelner Fächer, sondern ein Problem des gesamten Bildungssystems.
Mädchen schneiden beim Lesen zwar weiterhin deutlich besser ab als Jungen, verlieren aber wie die Jungen insgesamt an Leistung.
Besonders hart trifft es Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Wer den Trend stoppen will, muss deshalb früher fördern, Lehrkräfte stärken, Schulen nach Bedarf ausstatten und Bildungserfolg stärker vom Elternhaus entkoppeln.
Ob dafür ein zentraleres Bildungssystem nötig ist, ist politisch umstritten – mehr bundesweit verbindliche Standards wären aber eine naheliegende Konsequenz aus den PISA-Ergebnissen.
Keine Ranglisten nach Schultypen
Die aktuelle PISA-Studie weist keinen einfachen Leistungsvergleich „Gymnasium gegen Realschule gegen Hauptschule“ aus, aus dem man seriös eine Rangliste der am stärksten betroffenen Schularten ableiten könnte.
PISA untersucht 15-Jährige unabhängig davon, welche Schulform sie besuchen. Die deutschen Ergebnisse zeigen aber sehr deutlich, dass sozial benachteiligte Jugendliche und Jugendliche mit ungünstigen Bildungsvoraussetzungen besonders gefährdet sind.
Politisch und bildungswissenschaftlich problematisch ist damit vor allem das deutsche System der frühen Aufteilung auf unterschiedliche Schularten. Bildungsforscher kritisieren, dass soziale Herkunft und Schulwahl bzw. Schulzuweisung eng miteinander verbunden sind.
Besonders betroffen sind nicht einfach einzelne Schulformen, sondern Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler. Dort treffen mehrere Risikofaktoren aufeinander: Armut, geringe familiäre Bildungsressourcen, Sprachförderbedarf, Lehrkräftemangel und hohe Heterogenität.
Wie kann es besser werden?
Natürlich ist die „Bildungsmisere“ nicht von heute auf morgen zu beheben. Aber es gibt ein paar ganz klare Red Flags, die konsequent und umgehend angegangen werden sollten.
1. Früh anfangen
Sprachförderung muss vor der Einschulung beginnen, wenn ein Kind sie benötigt. Wer mit zehn oder zwölf Jahren massive Lesedefizite hat, braucht wesentlich mehr Aufwand, um sie aufzuholen.
2. Lesen und Mathematik wieder zur Priorität machen
Mehr Unterricht allein reicht nicht. Es braucht:
regelmäßige Diagnostik
verbindliche Förderprogramme
intensive Leseförderung
gezielte Mathematikförderung
individuelle Lernpläne für schwache Schüler
3. Lehrkräfte gewinnen und besser ausbilden
Mehr Lehrkräfte sind wichtig – aber ebenso wichtig sind bessere Ausbildung, mehr Praxis, Diagnostik und Fortbildung. Genau diese pädagogischen Kompetenzen hebt die OECD ausdrücklich hervor.
4. Geld nach Bedarf verteilen
Eine Schule mit vielen Kindern aus armen Familien, mit Sprachförderbedarf oder hoher sozialer Belastung braucht mehr Personal und mehr Ressourcen als eine Schule in einem privilegierten Umfeld.
Das wäre eine absolut notwendige Abkehr vom Gleichheitsprinzip hin zu einem Bedarfsgerechtigkeitsprinzip, die relativ schnell Erfolge zeigen würde.
Denn Kinder aus sozial oder finanziell belasteten Familien sind nicht weniger “schlau” als andere, ihnen fehlen zunächst einmal die Fördermöglichkeiten, die Kinder aus besser situierten Familien haben.
5. Eltern stärker einbeziehen
Nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit konkreter Unterstützung:
Elternberatung
Sprachförderung
niedrigschwellige Bildungsangebote
Hausaufgaben- und Lernbegleitung
Ganztagsangebote
6. Digitalisierung nicht mit Bildung verwechseln
PISA 2025 macht einen interessanten Punkt: KI und digitale Werkzeuge können sinnvoll sein – etwa für Feedback und individualisierte Übungen. Sie sollen aber eigenständiges Denken ergänzen und nicht ersetzen.
Sollte die Bildungshoheit auf den Bund übertragen werden?
Heute liegt die Verantwortung für Schule weitgehend bei den Ländern. Das ergibt sich aus der föderalen Ordnung des Grundgesetzes; Artikel 30 und 70 weisen staatliche Aufgaben und Gesetzgebung grundsätzlich den Ländern zu.
Die Vorteile:
Länder können unterschiedliche Modelle ausprobieren.
Entscheidungen können näher an Schulen und Regionen getroffen werden.
Bayern kann beispielsweise andere Schwerpunkte setzen als Berlin oder Bremen.
Die Nachteile:
16 unterschiedliche Schulsysteme
unterschiedliche Lehrpläne
unterschiedliche Prüfungen
unterschiedliche Regelungen für Lehrer
Probleme beim Umzug zwischen Bundesländern
unterschiedliche Geschwindigkeiten bei Reformen
Die KMK versucht, diese Unterschiede durch gemeinsame Standards und Vereinbarungen auszugleichen.
Die Lösung: Keine pauschale Übertragung, sondern mehr Zusammenarbeit! Sprich bundesweit verbindliche Bildungsziele – aber regionale Gestaltungsmöglichkeiten.
Sinnvoll wäre ein solcher bundesweit verbindlicher Rahmen z.B. für:
Mindeststandards in Lesen, Schreiben und Mathematik
Diagnostik
Sprachförderung
Lehrkräfteausbildung
Qualitätskontrolle
digitale Bildung
Datenerhebung
Vergleichbarkeit von Abschlüssen
Die Länder könnten weiterhin entscheiden, wie sie diese Ziele erreichen. Dann hätte ein 15-jähriges Kind in Deutschland überall die gleichen Bildungschancen, unabhängig davon, in welchem Bundesland es geboren wurde.
Fazit: Der PISA-Schock 2025 ist weniger ein Problem einzelner Fächer als ein Problem des gesamten Bildungssystems.
Mädchen schneiden beim Lesen weiterhin deutlich besser ab als Jungen, verlieren aber wie die Jungen insgesamt an Leistung. Besonders hart trifft es Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Wer den Trend stoppen will, muss deshalb früher fördern, Lehrkräfte stärken, Schulen nach Bedarf ausstatten und Bildungserfolg stärker vom Elternhaus entkoppeln. Ob dafür ein zentraleres Bildungssystem nötig ist, ist politisch umstritten – mehr bundesweit verbindliche Standards wären aber eine naheliegende Konsequenz aus den PISA-Ergebnissen.

