Schaden zu viele Geschenke Kindern?

Was Kinder sich zu Weihnachten wünschen – und was sie auf keinen Fall bekommen sollten

Leuchtende Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum beim Auspacken der Geschenke. Gibt es für Eltern etwas Schöneres, als ihren Kindern einen Weihnachtswunsch zu erfüllen? Oder zwei, oder drei, oder… ? Ab wann wird das Schenken zu viel?

Wann kippt die Freude in Stress, für Beschenkte und Schenkende?

Und was spricht für bewusste, gut durchdachte Geschenke für Kinder?

Wir haben ein paar Ideen und Erfahrungen für euch zusammengestellt.

 

Weniger ist mehr?

Schaden zu viele Geschenke einem Kind?

Eltern kennen das, vor allem, wenn die Kinder noch kleiner sind: Alle wollen etwas schenken, Onkel, Tanten, Freundinnen und Freunde, und natürlich die Großeltern.

Aber natürlich wollen auch die Eltern ihren Lieblingen eine Freude machen und einen Weihnachtswunsch erfüllen.

So kommt dann manchmal schnell ein ganzer Berg an Geschenken zusammen, die Kinder sitzen nach der Bescherung in einem Haufen zerknüllten Geschenkpapiers und wissen gar nicht, womit sie sich als erstes beschäftigen sollen.

 

Was sagt die Psychologie dazu?

Entwicklungspsycholog*innen und Pädagog*innen weiten immer wieder darauf hin, dass weniger oft mehr ist. Da gibt es zum Beispiel die „Alter-angepasste Regel“. Sie besagt:

  • Babys (0–2 Jahre): 1–2 sinnvolle Geschenke

  • Kleinkinder (3–4 Jahre): ca. 3–4

  • Kinder (5–10 Jahre): 4–6 Geschenke

  • Tweens/Teenager: eher 2–3 „wertvolle bzw. erlebnis- oder bedarfsorientierte“ Geschenke.

Diese Empfehlungen resultieren aus aus Studien zum Spielverhalten: Kinder, die viele Spielsachen gleichzeitig bekommen, tendieren dazu, weniger lange und weniger kreativ mit jedem einzelnen zu spielen. Eine geringe Anzahl von Spielzeugen hingegen fördert laut einer Untersuchung Kreativität und tiefere Beschäftigung.

Eine übermäßige Geschenkeflut kann demnach zu einer Art „Überreizung“ und „Wertminderung“ führen: wenn zu viele Spielsachen gleichzeitig da sind, verliert jedes einzelne an Bedeutung, und das Kind hat kein Interesse, sich damit intensiv zu beschäftigen.

 

“Geschenkekrank?”

„Ich bin geschenkekrank“, hat mein Sohn nach einem Weihnachtsfest gesagt,  an dem er über 10 Geschenke von Verwandten und Freunden bekommen hatte und tatsächlich am Weihnacht-smorgen mit Fieber im Bett lag.

Seitdem haben wir das Schenken aktiv begrenzt und uns sogar bei Oma und Opa damit durchgesetzt.

 

Kann ein Kind zu viele Geschenke bekommen?

Es gibt keine harte Grenze, aber….

Laut seriösen Quellen gibt es keine „harte wissenschaftliche Grenze“, ab der Geschenke automatisch schädlich sind. Vielmehr geht es um Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Beziehung zur Sache und die langfristige Einstellung des Kindes zu Konsum.

Fazit: Auch, wenn es keine hard facts dazu gibt: Erfahrungen und wissenschaftliche Beobachtungen deuten darauf hin, dass zu viele Geschenke für Kinder problematisch sein können.

Richtig schenken – was spricht für bewusste, durchdachte Geschenke bei Kindern?

Wer beim Schenken mit Absicht vorgeht, kann mehr erreichen als bloßes „Geschenke stapeln“:

Qualität ist wichtiger als Quantität

Ein oder zwei durchdachte, altersgerechte Geschenke sind oft näher an dem, was Kinder wirklich brauchen oder kreativ nutzen, als eine große Menge kleiner Sachen.

Bewusste Wertevermittlung

Geschenke, die nicht nur Konsum darstellen, sondern Erfahrungen ermöglichen (z.B. gemeinsames Basteln, Lesen, Lernen, Erlebnisse oder gemeinsame Aktivitäten),  fördern Dankbarkeit, Kreativität und Gemeinschaft eher als der reine Konsum industriell gefertigter Spielzeuge oder Geschenke.

Die 4-Geschenke-Regel

Ein gern befolgter Tipp von Fachmenschen ist, nicht mehr als 4Geschenke auszuwählen:

z.B.

  1. etwas, was sich das Kind wünscht

  2. etwas, was es braucht

  3. etwas zum Anziehen

  4. und etwas zum Lesen/Anschauen.

„Ich will“ oder „ich wünsche mir“

Du kannst dein Kind durchaus dabei unterstützen, vom reinen „Habenwollen“ zu reflektiertem Wünschen zu kommen. Natürlich komplett ohne Druck oder moralische Keule. Hier sind 10 Anregungen, wie du das umsetzen kannst. 


1. Wünsche gemeinsam „übersetzen“

Kinder äußern oft Oberflächenwünsche („Tablet“, „Riesen-Lego-Set“, „Schminksachen“).
Dann kannst du gemeinsam mit deinem Kind klären, was genau hinter diesem Wunsch steckt, z.B., indem du fragst:

  • „Was würdest du damit genau machen?“

  • „Wie stellst du dir vor, dass du es benutzt?“

  • „Gibt es etwas, das genauso viel Spaß macht, aber besser zu dir passt?

Damit sprichst du kein Missfallen oder ein Verbot aus, sondern zeigst, dass du den Wunsch deines Kindes verstehen möchtest.


2. Bedürfnisse statt Produkte in den Mittelpunkt rücken

Tatsächlich verstehen Kinder erstaunlich gut, wenn man Wünsche in Bedürfnisse übersetzt:

  • „Du wünschst dir viele Pokémon-Karten – hast du eher Spaß am Sammeln oder am Spielen mit anderen?“

  • „Du wünschst dir ein Handy – geht’s dir um Fotos, Spiele oder Kontakt mit Freunden?“

Sobald klar ist, was das Kind eigentlich sucht, entstehen sinnvollere Alternativen.


3. Freude an Immateriellem stärken

Kinder lernen schnell, dass Erlebnisse oft mehr bedeuten als Dinge, und diese Erlebnisse bleiben ihnen auch gut in Erinnerung. Das kannst du bei der Auswahl von Geschenken mutzen, z.B., indem du fragst:

  • „Was war das Schönste, was du diese Woche erlebt hast?“

  • „Welches Erlebnis würdest du dir wünschen, wenn du dir eines aussuchen könntest?“

  • „Was würdest du gerne mit uns gemeinsam machen?“

Erlebnisse sind für Kinder genauso wünschenswert wie Gegenstände. Manchmal haben sie sogar eine noch größere Bedeutung. Z.B. wenn die Eltern sich extra für eine gemeinsame Aktion Zeit nehmen, egal ob Kino, Zoo, Freizeitpark oder was auch immer. Das gleiche gilt für Großeltern, Paten oder die Lieblingsverwandten. Geschenkte Zeit wird von den Kindern sehr bewusst erlebt und genossen – und bildet ganz oft einen Meilenstein in ihren Kindheitserinnerungen.


4. Begrenzungen klar, aber wertschätzend setzen

Konsumpädagogik funktioniert nur, wenn Grenzen vorhersagbar sind:

  • „Drei Wünsche darf dein Wunschzettel haben.“

  • „Ein großes Geschenk, zwei kleine.“

  • „Ein Wunsch für Spaß, einer zum Lernen, einer für die Kreativität.“

Klare Regeln wirken entlastend, und statt Frust entsteht beim Fokussierung auf das, was es wirklich möchte.


5. Auswahl priorisieren lassen

Kinder können wunderbar priorisieren, wenn man sie lässt:

  • „Welcher Wunsch ist dir wirklich wichtig?“

  • „Welcher wäre nur ‚nice to have‘?“

  • „Wenn du nur einen Wunsch hättest: welcher wäre dir am Wichtigsten?“

Priorisieren erzieht zur inneren Klarheit, nicht zum „Haben, haben, haben“.


6. Vorleben wirkt stärker als Erklären

Kinder übernehmen das Konsumverhalten ihrer Bezugspersonen. Frag dich mal ganz ehrlich:

  • Wie viel kauft man selbst impulsiv?

  • Spricht man über Dinge — oder über Erlebnisse?

  • Gibt es in der Familie Rituale statt Einkaufsorgien?

Vorbild statt Vorschriften wirkt Wunder.


7. Gemeinsame Sparziele schaffen

Ein Sparprojekt (z. B. für ein großes Erlebnis oder eine gute Sache) lenkt den Fokus weg von spontanen Konsumimpulsen. Überlegt euch gemeinsam z.B. eine

  • Eine Spartafel oder ein Sparschrank

  • Ein Glas für gemeinsame Wünsche

  • Ein Familien-Sparprojekt für ein gemeinsamen größeres Erlebnis, nicht für ein Ding

Wert entsteht durch Vorfreude, nicht durch Sofortkauf.


8. Begeisterung und Konsum entkoppeln

Wenn Kinder für gute Noten oder Verhalten “bezahlt” werden, entsteht eine „Belohnungslogik“. Besser als gekaufte Belohnungen sind z.B.:

  • Zeit

  • Aufmerksamkeit

  • Privilegien

  • gemeinsame Aktivitäten

  • kleine Rituale

So verknüpft dein Kind seinen Wert und deine Liebe nicht mit Dingen, sondern mit echtem Erleben, vor allem, wenn es spürt, dass du dir dafür wirklich Zeit nimmst und ihm ungeteilte Aufmerksamkeit schenkst.


9. Minimalismus spielerisch erfahrbar machen

  • Kinder lieben Spiele — auch beim Sortieren und Loslassen:

  • „Welches Spielzeug benutzt du noch, welches darf weiterziehen?“

  • „Was würdest du einer anderen Familie schenken?“

Das wirkt wohltuend gegen Konsumüberfluss und unreflektiertes Konsumieren.

10. Dankbarkeit kultivieren – ohne Pathos

Dankbarkeit entsteht nicht durch Erwartungen und Forderungen, sondern durch Reflexion. Z.B., wenn ihr gemeinsam überlegt:

  • „Was war heute richtig schön?“

  • „Was hat dir jemand Gutes getan?“

  • „Was hat dich heute überrascht?“

Dankbarkeit und Konsum passen schlecht zusammen. Lass dein Kind erleben, dass Dankbarkeit erstmal nichts mit Konsum zu tun hat.

 

Unvergessliche Erlebnisse

Ein Tag im Zoo, im Museum oder im Freizeitpark ist ein tolles Geschenk.

 

Und wenn Kinder keine Geschenke bekommen?

Es gibt auch bei uns viele Kinder und Familien, die arm sind und bei denen es wirklich keine Geschenke unterm Tannenbaum gibt. Dein Kind wird das merken und sich ganz sicher fragen: „Warum kriege ich was und der oder die nicht?“ Hilf deinem Kind dabei, nicht wegzuschauen. Damit ebnest du ihm den Weg in ein empathisches Leben. Kindern kann man ruhig sagen:

  • dass nicht alle die gleichen Möglichkeiten haben

  • dass Helfen etwas Kleines ist, aber für andere etwas Großes bedeuten kann

  • dass es Kinder gibt, die sich über ein kleines Geschenk sehr freuen

    dass sie selbst diese Freude schenken können.

 

Vom Mitleid zur Mitverantwortung – durch Verständnis

Kinder brauchen konkrete Geschichten, keine abstrakten Appelle. Frag dein Kind z.B. ma:

  • „Stell dir vor, du könntest dieses Jahr kein Geschenk bekommen – wie würdest du dich fühlen?“

  • „Was meinst du, was Kinder am meisten vermissen?“

  • „Wenn du etwas schenken würdest, was kein Geld kostet: Was denkst du, worüber würde sich die Mama, der Papa, die Oma, der Opa oder dein Freund, deine Freundin wirklich freuen?“

Empathie entsteht über Identifikation, nicht über Moral.

 

Gemeinsam auswählen statt „Du MUSST was abgeben“

Zwang blockiert, Mitbestimmung weckt Verständnis. Frag dein Kind:

  • „Welches Spielzeug benutzt du nicht mehr — und würde ein anderes Kind glücklich machen?“

  • „Welchen von deinen Wünschen könnten wir zusammen teilen: einen Teil für dich, einen für ein anderes Kind?“

    Das Kind erlebt: Ich entscheide mit.

Schenken macht Spaß

Auch anderen dabei zuzusehen, wie sie mein Geschenk auspacken, macht Spaß.

Zusammenarbeit statt Delegation

Kinder sollen den Prozess des Schenkens sehen und spüren. Das funktioniert, wenn ihr z.B. gemeinsam aussucht, gemeinsam einpackt, gemeinsam das Geschenk hinbringt oder abgebt und hinterher gemeinsam darüber sprecht, wie es euch damit geht.

Du und dein Kind erlebt gemeinsam: Ich bewirke etwas, und ihr lernt beide, Freude nicht nur zu konsumieren, sondern zu erzeugen.

Eigenes Vorbild: Kinder lernen durch Beobachtung

Eltern, die selbst bewusst geben, egal ob Zeit, Geld, oder ehrenamtliche Hilfe, vermitteln ihrem Kind ohne Worte den Wert des Gebens. Vielleicht könnt ihr das Kind auch direkt einbinden:

  • „Ich bringe noch alte Bücher zu einer Spendenstelle — willst du mit?“

  • „Ich packe ein kleines Paket für ein anderes Kind — magst du eines für dich packen?“

Kinder ahmen nach, was sie als normalen Teil des Lebens sehen und kennenlernen.

Gemeinsame Spendenprojekte statt moralischer Druck

Eine gute Idee sind auch Spendenprojekte, an denen sich Eltern zusammen mit ihren Kindern beteiligen, etwa eine „Weihnachtspäckchen-Aktion“, den „Wunschbaum“ im Einkaufszentrum oder ein eigenes kleines Familienprojekt: für jeden erfüllten Wunsch wird ein kleines Geschenk vorbereitet.

Nach dem Schenken: reflektieren

Wenn euer Kind ein Geschenk gemacht oder abgegeben hat, sprecht darüber, fragt z.B.

  • „Wie ging’s dir dabei?“

  • „Was fandest du am schönsten?“

  • „Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“

Das verankert die Erfahrung emotional. Bei euch und bei dem Kind.

Fazit: Es braucht Zeit, um von „Ich will“ zu „Ich gebe“ zu kommen. Jeder kleine Schritt zählt.

 

Übrigens: Das mit der Freude am Schenken beschränkt sich natürlich nicht auf bedürftige Kinder oder Familien. Ein Kind lernt, wie glücklich das Schenken macht, wenn es schon früh für die Eltern, Großeltern und andere zu Weihnachten ein eigenes kleines Geschenk vorbereitet hat.

Gerne mit Hilfe, aber nicht etwas, was Mama oder Papa gekauft haben. Es geht ja nicht um den materiellen, sondern um den ideellen, emotionalen Wert. Ein selbst gemaltes Bild, ein Papierflieger, ein Lied sind perfekt.

Natürlich nur, wenn die Beschenkten dem Kind ihre Freude darüber zeigen.

 

Da steckt Liebe drin

Ein selbstgemachtes Geschenk macht eine Riesenfreude.

Geschenke sind etwas Tolles. Weihnachten und andere Feste sind eine gute Gelegenheit, Kindern zu zeigen: Schenken hat nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun. Gemeinsamzeit oder etwas Selbstgemachtes, gebastet, gebacken, gemalt, geschrieben bleiben oft ein Leben lang in Erinnerung.

MaJa Boselli

MaJa hat Romanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit über 20 Jahren Fachartikel im sozialen Bereich. Von praktischen Themen wie Kinderhilfe bis hin zur Sozialpolitik. Außerdem bloggt und twittert sie leidenschaftlich, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Ihre Spezialität: so lange am Thema dranbleiben, bis allen alles klar ist. Ihr Motto: “ich schreibe, also bin ich.”

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