Wie die Angst vor Krieg unseren Alltag beeinflusst
Der Ukraine-Konflikt ist in unserem Leben sehr präsent
Wir erleben eine neue Form der Bedrohung - und der Angst. Wie zeigt sie sich? und wie können wir mit ihr umgehen?
Eine neue Form der Angst
Seit dem Ende des zweiten Weltkrieg erleben wir innerstaatliche Sicherheit
Der Ukraine-Konflikt beeinflusst unseren Alltag auf eine Weise, wie es sich viele nie hätten vorstellen können. Er hat das Thema Kriegsbedrohung zu einer möglichen Realität gemacht.
Das Ende des zweiten Weltkrieges ist mittlerweile fast 80 Jahre her. Die Zeitzeugen von damals sind heute alt. Viele sind bereits verstorben.
Die damaligen Betroffenen waren traumatisiert
Die Folgen des Krieges haben die Menschen ein Leben lang mit und in sich getragen. Es war eine Zeit, die von Bombenangriffen, Flucht, Zerstörung, Luftschutzkellern, Hunger, Verfolgung, Tod und Angst geprägt war. Die Erinnerung daran saß ein Leben lang tief.
Sehr viele Menschen, besonders die damaligen Kinder, konnten die Erlebnisse und Bilder nie loslassen. Ein großer Teil von ihnen konnte das entstandene Trauma nicht aufarbeiten.
Während des Krieges durften die Menschen nicht trauern. Es ging um das pure Überleben. Nach Ende des Krieges musste das Land wiederaufgebaut werden. Auch in dieser Phase blieb wenig Zeit zum Nachdenken und inneren Heilen.
Viele Väter waren an der Front gefallen. Die Mütter waren plötzlich allein mit den Kindern. Sie hatten ihr Zuhause, alles verloren. Sie mussten um ihre Existenz kämpfen.
Jüngere Menschen kennen Krieg nicht
Diese Gefahr von Kriegsbedrohung kennen jüngere Generationen nicht. Trotz aller lebhaften Berichte und Anekdoten der Großeltern: Erzählungen können Erfahrungen nie in derselben Intensität wiedergeben. Zu unvorstellbar ist das Leben in Kriegszeiten für sie.
Für die jüngeren Generationen in Deutschland ist Krieg eine weit entfernte Thematik. Schwere Konflikte kennen wir nur aus den Nachrichten. Sie werden gefühlt nur in Ländern geführt, die weit von Deutschland entfernt sind.
Die Konflikte erscheinen zudem geographisch klar begrenzt. Sie lassen uns zwar bestürzt, entsetzt, traurig, sein, wenn wir sie in den Nachrichten verfolgen. Gleichzeitig fühlten wir uns selbst bislang eher sicher. Das ist jetzt anders.
Eine neue Dimension der Bedrohung
Überlebende des zweiten Weltkrieges werden durch den aktuellen Russland-Ukraine-Konflikt re-traumatisiert. Die Angst von damals ist für sie sofort wieder spürbar.
Auch die Kinder der Kriegsgeneration und die Trümmerfrauen fühlen sich durch die aktuellen Ereignisse in die damalige Stimmung zurückversetzt. Die Ängste wurden über die Generationen hinweg weitergegeben.
Für die Jüngeren ist es eine neue, nie gekannte Angst.
Dieser Konflikt ist anders
Der aktuelle Konflikt hat weltpolitische Auswirkungen und das Potential, auch zu uns zu kommen. Das, was dahinter steht, ist größer.
Europa bzw. die Nato wird fast dazu gezwungen, sich einzumischen. Wir müssen aufpassen, dass es nicht mehr wird als der Konflikt zwischen zwei Nationen.
Im Gegensatz zu den Kriegen in Syrien und dem ehemaligen Yugoslawien besteht die Gefahr einer Eskalation. Und der dritte Weltkrieg wäre ziemlich wahrscheinlich ein nuklearer Krieg mit dem Einsatz atomaren Waffen. Das schürt Ängste.
Wir haben sehr wenige Informationen
Vielleicht lässt sich die aktuelle Situation ein klein wenig mit der Corona-Pandemie vergleichen. Damals wie jetzt begründete sich die Angst zu großen Teilen in wenigen verfügbaren Fakten und Informationen.
Die Unwissenheit spielt auch aktuell wieder eine große Rolle. Wir erhalten durch die Medien zwar ständig Informationen. Den Wahrheitsgehalt können wir aber kaum überprüfen. Aus der Unsicherheit und dem Nicht-Wissen entsteht Spekulation. Aus der Spekulation erwächst Angst.
Auch die ständigen Mutmaßungen über Putins Gesundheitszustand spielen in der Kriegsangst eine große Rolle. In Nachrichten und sozialen Medien werden die öffentlichen Auftritte des russischen Präsidenten bis ins kleinste Detail analysiert.
Für die vielfältigen Vermutungen, medizinischen Analyseversuche und Laien-Diagnosen ernster physischer und psychischer Krankheiten gibt es keinerlei Beweise oder wirkliche Anhaltspunkte. Deshalb lassen sie umso mehr Raum für Spekulationen. Und für noch mehr Ängste.
Wie Ängste entstehen
Ängste sind normal
Ängste sind ein natürlicher Teil unseres Lebens. Sie entstehen durch ein Gefühl von Bedrohung. Dabei ist erstmal zweitrangig, ob die Bedrohung real ist oder nicht. Angst alarmiert uns, vorsichtig zu sein.
Sie will uns warnen, dass wir richtige und sinnvolle Entscheidungen treffen. Sie hilft uns, Gefahren zu überwinden oder ihnen zu entkommen. An sich ist Angst also eine normale Reaktion. Angst hat von Anfang an unser Überleben als Spezies gesichert.
Aus Angst wird Panik
Wenn Angst übermäßig wird, nimmt sie mehr und mehr Raum ein. Aus Angstgefühlen werden übermächtige Panikvorstellungen. Das beeinflusst uns körperlich und geistig. Das ständige Kreisen um das Problem kann zu Gefühlen der inneren Abspaltung führen.
Menschen neigen dazu, sich eher auf negative und bedrohliche Informationen zu fokussieren. Wie in Trance werden immer mehr Nachrichten konsumiert. Die entstehende Panik zeigt sich in
Schlafstörungen
Herzrasen
Ruhelosigkeit
Gereiztheit
Gefühl des inneren Getrieben seins
Zwanghaftem Beschäftigen mit der Thematik
Wenn aus Angst eine Angststörung und Panikgefühle werden, belastet es das gesamte Leben. Die Gedanken kreisen immer stärker um das eine Thema.
Der Einfluss auf die Kinder
Wenn Eltern Angst haben, überträgt sie sich auch auf den Nachwuchs. Kinder haben sehr feine Sensoren. Sie spüren, wenn ihre Eltern sich Sorgen machen. Sie nehmen wahr, wenn Papa oder Mama nicht mehr (emotional) verfügbar sind.
Wenn die Eltern ständig neue Horrormeldungen lesen, verlieren sie sich in einer Angstspirale.
Viele Eltern beziehen ihre Kinder zudem aktiv in die Thematik und die eigenen Ängste mit ein. Sie „vergessen“, dass ihre Kinder vielleicht noch zu klein sind, um sich mit der Kriegsthematik auseinanderzusetzen. So kann das Kind in eine Erwachsenenrolle gezwängt werden.
Für die Kinder bedeutet es, dass sie zuhause keine emotionale Sicherheit mehr erfahren.
Ausblick und Lösungsansätze
Es ist natürlich wichtig, wachsam und aufmerksam zu sein. Den Kopf in den Sand stecken und Nachrichten vermeiden, löst Probleme nicht. Es ändert auch die Situation in der Welt nicht. Es gibt Dinge, die können wir nicht steuern.
Aber es gibt Dinge, die können wir beeinflussen. Und wir können unserem Umgang mit nicht steuerbaren Dingen steuern.
Dazu gehört unser Nachrichtenkonsum. Wir können uns aufmerksam beobachten. Wir können uns auch mal selbst bremsen. Wir können die Häufigkeit unserer Nachrichtenaufnahme hinterfragen.
Wir können uns aktiv und jeden Tag dafür entscheiden, ein- oder zweimal am Tag die Nachrichten zu lesen. Dann können wir unserem Gehirn eine Pause gönnen vom ständigen Alarm- und Gefahrenmodus.
Informationen und Nachrichten sind zweifellos wichtig. Aber wie so oft gilt auch hier: Die Balance ist relevant. Sie hilft uns, uns nicht in der Angst zu verlieren. Es ist wichtig, etwas für sich selbst zu tun.
Etwas zu unternehmen. Aktiv werden, Sport, Wanderungen, Spiele, die Natur genießen beispielsweise. Sich selbst (innere) Ruhe erlauben.
Wer es nicht schafft, sich aus der Angstspirale zu lösen, sollte sich nicht scheuen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.